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Fr, 14. August 2020, 3:03 Uhr

Großbritannien: Dramatischer Konjunkturabsturz


11.05.20 13:44
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise relativieren die Sorgen um einen "harten" Brexit, do die Analysten der Helaba.

Die britische Konjunktur sei mit dem Lockdown des öffentlichen Lebens eingebrochen. Dieser sei in Großbritannien etwas später als in anderen europäischen Ländern erfolgt, werde aber dafür länger andauern. Auf Basis der Todesfälle sei Großbritannien sogar das am stärksten von der Pandemie betroffene Land in Europa. Der von einem schweren Covid-19-Verlauf genesene Premierminister Johnson habe nun nach rückläufigen Fallzahlen erste, vorsichtige Lockerungsmaßnahmen bekanntgegeben.

Die Schwere der Rezession berge erhebliche Unsicherheiten. Die Stimmungsindikatoren bei Unternehmen und Verbrauchern seien dramatisch eingebrochen. Die Autoneuzulassungen seien im April um 97% ab. Für daszweite Quartal zeichnet sich der größte, erstmals zweistellige BIP-Einbruch in der Nachkriegsgeschichte abgestürzt. Das von der Bank of England erläuterte Szenario eines Rückgangs um 25% - im Gesamtjahr 14% - sei aber vermutlich doch überzogen. Die Regierung federe mit umfangreichen Maßnahmen den Absturz ab. Kleine und mittlere Unternehmen würden staatliche Kreditgarantien, Zinserleichterungen, steuerliche Hilfen und Zuschüsse erhalten. Arbeitnehmer, die von ihren Arbeitgebern in den "Zwangsurlaub" geschickt würden - derzeit 6,3 Millionen - würden 80% ihres Lohnes erhalten. Sozialleistungen würden ausgeweitet und die Ausgaben für das Gesundheitssystem massiv erhöht. Weitere Schritte seien möglich. Als Folge dürfte das Haushaltsdefizit in Richtung 10% des BIP klettern. Schon mit den ersten Aufhebungen einiger Beschränkungen werde die Wirtschaft aber wieder Lebenszeichen geben. Je besser die Pandemie kontrolliert und je weiter die Restriktionen gelockert werden könnten, desto kräftiger werde die Erholung bereits ab dem dritten Vierteljahr ausfallen. Per saldo sei für das Gesamtjahr mit einem BIP-Rückgang von rund 7% zu rechnen. 2021 werde das BIP dann mit 6,5% in fast gleichem Ausmaß wachsen.

Die Inflation sinke in erster Linie wegen der gefallenen Energiepreise. Die Bank of England habe damit freie Hand, das Wachstum zu stützen. Sie habe ihren Leitzins von 0,75% auf 0,10% gesenkt. Zudem habe die Notenbank erstmals seit 2016 ein Kaufprogramm für Staats-und Unternehmensanleihen in Höhe von 200 Mrd. Pfund verkündet und lege zusätzlich Kreditprogramme auf. Das Zinsinstrument sei wohl ausgeschöpft, hingegen seien weitere Anleihekäufe von 100 Mio. Pfund realistisch.

Neben der Corona-Pandemie bestehe für Großbritannien noch ein weiteres Risiko: die Verhandlungen über das zukünftige Verhältnis mit der EU. Mittlerweile seien die Gespräche als Videokonferenz begonnen worden. Inwieweit die sehr komplexen Verhandlungen über längere Zeit aus der Ferne zu führen seien, sei fraglich. Der Zeitplan sei auchohne Coronavirus sehr ambitioniert, da ein Abkommen vor dem Ablauf der Übergangsphase Ende 2020 stehen müsse. Eine Fristverlängerung, die bis zum 1. Juli beantragt werden müsste, schließe die britische Regierung weiter aus. Ohne Abkommen habe der britischen Wirtschaft nach der Corona-Rezession Anfang 2021 gleich der nächste Rückschlag gedroht, wenn auch nicht so ausgeprägt wie im zweiten Quartal.Wider bisherige Aussagen wachse die Wahrscheinlichkeit einer Verlängerung der Übergangsphase bis Ende 2021. (11.05.2020/ac/a/m)