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So, 27. September 2020, 22:07 Uhr

Großbritannien: Vom Corona- ins Brexit-Chaos?


26.06.20 13:35
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Die "Post-Brexit"-Gespräche stocken, eine Verlängerung der Übergangsphase beantragt die britische Regierung jedoch nicht, so die Analysten der Helaba.

Drohe Anfang 2021 der nächste Schock für die Wirtschaft? Nach den Erfahrungen mit den Verhandlungen über das Austrittsabkommen bestehe noch Hoffnung.

Premierminister Johnson habe ein goldenes Zeitalter für sein Land nach dem Brexit verkündet. Knapp fünf Monate nach dem EU-Austritt befinde sich Großbritannien eher in einem Alptraum aufgrund der Corona-Pandemie mit mehr als 50.000 Toten und einem heftigen Konjunktureinbruch. Statt sich auf die Überwindung der Corona-Krise zu konzentrieren, möchte die britische Regierung das künftige Verhältnis zur EU noch in diesem Jahr aushandeln. Die Chance auf eine Verlängerung der Übergangsphase über 2020 hinaus lasse sie zum 1. Juli verstreichen.

Die Pandemie verursache in Großbritannien 2020 wohl einen hohen einstelligen BIP-Rückgang, der größer als in den schlimmsten "No-Deal-Brexit"-Szenarien ausfalle. Die wirtschaftlichen Folgen eines abrupten Endes der Übergangsphase würden vor diesem Hintergrund kaum auffallen, werde so mancher Brexit-Hardliner denken. Angesichts der zu erwartenden Erholung bliebe trotz eines "Double Dips" aufgrund einer Chaos-Phase Anfang 2021 für das Gesamtjahr wohl noch ein kräftiges Plus. Ob diese Rechnung in der Öffentlichkeit aber aufgehe, sei fraglich. Viele Unternehmen hätten derzeit andere Sorgen, als sich auf komplett neue Regelungen im Außenhandel vorzubereiten. Und ungeachtet einer erträglichen BIP-Zahl könne der Arbeitsmarkt anders aussehen. Die Analysten würden Johnson daher durchaus ein Interesse an einer gütlichen Einigung mit der EU unterstellen.

Die Briten würden ein eher lockeres Abkommen anstreben. Dabei möchten sie freien Zugang zu allen Märkten, sich aber nicht an die Regeln der EU halten. Diesem "Rosinenpicken" habe die EU stets eine Absage erteilt. Sie verlange "faire Wettbewerbsbedingungen" (Level Playing Field), denen die Briten in der Politischen Erklärung zum Austrittsvertrag zugestimmt hätten. Konfliktfelder seien neben dem allgemeinen Handel die Finanzdienstleistungen, die Fischerei und die Zuständigkeit des EuGH. Die EU befinde sich in einer besseren Verhandlungsposition, da Großbritannien im Handel viel stärker auf sie angewiesen sei als umgekehrt - trotz eines abnehmenden EU-Anteils.

Für eine Einigung müsse die Union aber den Briten zugestehen, dass diese zumindest in begrenzten Bereichen von den EU-Regeln abweichen dürfe. De facto dürften dennoch die meisten Standards im Handel in Brüssel bestimmt werden. Ein Abkommen solle bis Oktober stehen, da dieses noch ratifiziert werden müsse. Dass nach einer grundsätzlichen Einigung angesichts der knappen Zeit bestimmte Punkte erst im Nachhinein ausgehandelt würden, sei in Freihandelsverträgen nicht unüblich. Die Grenzen zwischen einem Abkommen, das nachverhandelt werde, und einer Verlängerung der Übergangsphase seien daher gar nicht so scharf.

Letztlich sollten beide Parteien derzeit andere sowie größere Sorgen und daher wenig Interesse an einem Scheitern haben. Die am Ende doch erfolgreichen Verhandlungen über den EU-Austritt hätten ebenso als aussichtslos gegolten. Die Analysten würden daher von einem Rumpfabkommen mit vielen Nachverhandlungen ausgehen. (26.06.2020/ac/a/m)