Suchen
Login
Anzeige:
Fr, 14. August 2020, 2:54 Uhr

Italien: Es fehlt nicht an Geld für Konjunkturpolitik


08.06.20 12:40
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Italien erlebte bereits im ersten Quartal einen kräftigen Einbruch seiner Wirtschaft, berichten die Analysten der Helaba.

Das Bruttoinlandsprodukt sei gegenüber den drei Monaten zuvor um 5,3% geschrumpft, die Wirtschaftsleistung der Eurozone sei um 3,8% gesunken. In Italien hätten die Lockerungen am 4. Mai begonnen. Obwohl das wirtschaftliche Leben damit schrittweise wieder begonnen habe, müsse für das zweite Quartal mit einem nie dagewesenen Wirtschaftseinbruch gerechnet werden. Während sich in den vergleichbaren Ländern des Währungsraums Geschäfts - und Konsumklima bereits im Mai verbessert hätten, habe sich die Stimmung in Italien nochmals verschlechtert. Der Aufholprozess werde hier später starten und schwächer ausfallen. Im Gesamtjahr 2020 dürfte es zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 8,5% kommen. Bei einem erwarteten Zuwachs von 5,5% im nächsten Jahr werde das Vorkrisenniveau auch Ende 2021 noch nicht erreicht sein.

Wie in anderen von Corona geplagten Ländern seien auch in Italien die privaten Konsumausgaben bereits im ersten Quartal überdurchschnittlich stark gesunken (-6,6% gg. Vq.). Im zweiten Vierteljahr dürfte der Rückgang noch höher ausfallen, da statistisch zwei zusätzliche Wochen Lockdown verbucht werden müssten. Die Zahl der Beschäftigten sei allein im März und April um 400.000 gesunken. In diesem Umfeld dürften sich die Verbraucher weiter zurückhalten.

Die italienische Regierung habe mit zwei Maßnahmenpaketen auf die Corona-Krise reagiert. Mit dem März-Dekret ("Cura Italia") mit einem Volumen von 20 Mrd. Euro seien im Wesentlichen "Schutzschirm-Maßnahmen" wie die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, Zuschüsse für Selbstständige und Kredite für Unternehmen beschlossen worden. Die Umsetzung und damit Auszahlung sei allerdings bis heute zögerlich. Auf das April-Dekret in Höhe von 55 Mrd. Euro warte das Land immer noch. Es solle mehr den Charakter eines Konjunkturprogramms für den Neustart haben. Nach dem jetzigen Stand gehe es hierbei vor allem um Einkommenszuschüsse für Familien und Selbstständige sowie Steuererleichterungen für den Hausbau. Beide Programme zusammen würden eine Größenordnung von gut 4% des Bruttoinlandsprodukts von 2019 erreichen.

Hinzu kämen Kreditgarantien. Die zögerliche Beschlussfassung und vor allem die nicht reibungslose Umsetzung würden allerdings zeigen, wie schwierig Konjunkturpolitik in Italien sei. Sollte das geplante EU-Programm in Höhe von 750 Mrd. Euro realisiert werden, könnte Italien mit deutlich größeren Summen rechnen. Ersten Schätzungen zufolge würden auf das Land Zuschüsse von knapp 82 Mrd. Euro und Kredite von 91 Mrd. Euro entfallen - die Gesamtsumme von fast 173 Mrd. Euro entspreche knapp 10% des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Aber auch hier würde das Land vor dem Problem stehen, umsetzungsfähige Projekte präsentieren zu müssen.

Es fehle also nicht am Geld. Sollten die lange ausstehenden Reformen nicht angepackt werden, drohe jedoch ein konjunkturelles Strohfeuer. Entscheidend seien Fortschritte bei der Arbeitsproduktivität, in der Verwaltung, im Bildungs - und Forschungssystem, in der Infrastruktur sowie in der Digitalisierung. (08.06.2020/ac/a/m)