Suchen
Login
Anzeige:
Do, 13. August 2020, 9:53 Uhr

USA: "This time is different!"


11.05.20 14:15
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - In der Ökonomenzunft gilt die Aussage "Diesmal ist alles anders!" als klassischer intellektueller Fehler, der häufig dazu dient, Fantasiebewertungen an den Finanzmärkten oder nicht nachhaltige wirtschaftliche Entwicklungen wie ein Leistungsbilanzdefizit von 10% des BIP (scheinbar) zu begründen, so die Analysten der Helaba.

Aber selbst der überzeugteste Anhänger eherner ökonomischer Gesetze müsse eingestehen, dass die aktuelle Lage im Gefolge der Covid-19-Pandemie "different" sei. Der im März begonnene Lockdown in den USA habe bereits im ersten Quartal zu einem Rückgang des realen BIP um 4,8% (Jahresrate) geführt, obwohl der Januar und Februar noch solide gewesen seien. Dies deute auf eine zumindest seit dem Zweiten Weltkrieg nie dagewesene Abwärtsdynamik hin: Im zweiten Quartal dürfte die US-Wirtschaft um rund 10% (nicht-annualisiert!) geschrumpft sein. Selbst das würde voraussetzen, dass die Einschränkungen der wirtschaftlichen Aktivität im Laufe des Quartals zurückgefahren würden. Bliebe es beim Status Quo des Monats April, wäre ein noch stärkeres Minus zu erwarten. Die Analysten würden nun für das laufende Jahr mit einem Rückgang des BIP um 4,5% rechnen, gefolgt von einem Plus von 5,5% 2021. Aber diese Prognose stehe ständig auf dem Prüfstein, nicht weil sie von Modellzusammenhängen hinterfragt werde, sondern schlicht, weil sie von epidemiologischen und politischen Realitäten abhänge, die ständig im Fluss seien.

Angesichts der Neuheit der Ereignisse sei Skepsis angebracht bei allen Analysen, die zunächst atemlos diese Einzigartigkeit betonen würden, die Prognosen dann aber auf den traditionellen Mustern eines normalen Zyklus aufbauen würden. Dies gelte auch für den US-Arbeitsmarkt. Im April sei die Arbeitslosenquote auf 14,7% gesprungen - den höchsten Wert seit Beginn der Statistik 1948. Und selbst dies unterzeichne noch die aktuelle Unterauslastung des Arbeitsmarktes. So seien in den letzten zwei Monaten rund 8 Mio. Menschen aus der Zahl der Erwerbspersonen "herausgefallen". Nach dem Ende des Lockdown dürfte sich der Arbeitsmarkt allerdings kräftig erholen. Hier seien herkömmliche zyklische Muster und Erfahrungen ebenso wenig anwendbar wie beim aktuellen Einbruch.

Fiskal- und Geldpolitik hätten in ebenfalls noch nie dagewesener Manier auf die Herausforderungen reagiert. Das Defizit dürfte 2020 in den öffentlichen Haushalten einschließlich der untergeordneten Gebietskörperschaften auf rund 20% des BIP steigen. Den Löwenanteil mache mit geschätzten 18% der Bund aus. Der Kongress habe in mehreren Tranchen massive Beihilfen für Unternehmen und private Haushalte auf den Weg gebracht, von denen viele bereits kurzfristig wirken würden und ausgefallene Einkommen zumindest teilweise ersetzen würden. Weitere Maßnahmen seien wahrscheinlich, allerdings beginne der Konsens zwischen Republikanern und Demokraten zu bröckeln. Im November werde gewählt und der Spielraum für Kooperation könnte daher schrumpfen. Die FED hingegen steuere einen klaren Kurs: Angesichts des dramatischen Outputrückgangs, steigender Arbeitslosigkeit und fallender Teuerung habe sie die Liquiditätsschleusen so weit geöffnet wie noch nie. Seit Mitte März sei die Bilanzsumme der FED um fast 2.500 Mrd. Dollar (knapp 12% am BIP) auf über 6.700 Mrd. Dollar gestiegen. Zwar sollten sich die Zuwächse in den kommenden Monaten deutlich abschwächen, aber der Aufwärtstrend dürfte erhalten bleiben. (11.05.2020/ac/a/m)