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Fr, 14. August 2020, 2:18 Uhr

Weltkonjunktur: Fahren auf Sicht


24.04.20 13:20
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Die Mediziner wissen nicht, wie die Lage an der Virusfront in zwei oder drei Wochen sein wird, so Patrick Franke von der Helaba.

Die Politiker könnten entsprechend keine klaren Aussagen über die weitere Lockerung der Restriktionen machen. Damit seien derzeit auch alle Aussagen von Ökonomen zum Verlauf der wirtschaftlichen Krise mit einem ungewöhnlich kurzen Haltbarkeitsdatum versehen. Aber selbst wenn wir mit einem definitiven "Fahrplan" für die Wiederöffnung ausgestattet wären, bliebe noch immer die Tatsache, dass es seit Menschengedenken in den meisten Ländern keine vergleichbare Unterbrechung des wirtschaftlichen bzw. sozialen Lebens gegeben hat, so die Analysten der Helaba. Daher seien die Prognosen, wie es nach der Lockerung weitergehen werde, mit enormer Unsicherheit behaftet: Wie viele Jobs seien wirklich verloren, wie viele Leute könnten zügig wieder an ihre Arbeit zurückkehren? Welche Unternehmen würden trotz aller Staatshilfen die Krise nicht überleben? Welche Auswirkung habe der Schock auf die Konsumneigung der Haushalte und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen?

Angesichts dieser Unsicherheiten könne es nicht überraschen, dass die Konjunkturprognosen derzeit ungewöhnlich häufig und deutlich angepasst werden müssten. Wir nehmen nun einen erneuten Anlauf, die Informationen der vergangenen Wochen zu verarbeiten und zusammen mit plausiblen Annahmen für die kommenden Monate in neue Prognosen zu gießen, so die Analysten der Helaba. Wie schwer sich die Zunft hierbei tue, zeige die enorme Spannbreite bei den aktuellen Wachstumsprognosen.

Am meisten wisse man derzeit über China, weil man dort dem Rest der Welt beim Verlauf der Pandemie voraus sei. Die Zahlen zum Wachstum im ersten Quartal würden einen historischen Einbruch um fast 10% gegenüber dem Vorquartal zeigen. Selbst bei einer schnellen Erholung - für die einiges spreche - werde diese Delle dafür sorgen, dass Chinas Wirtschaft 2020 in etwa stagnieren werde (bisher: 3,5%). Dies wäre das schlechteste Ergebnis seit dem Beginn der modernen Wirtschaftsstatistik in den 1970er Jahren und eine Verlangsamung um rund 6 Prozentpunkte relativ zum Vorjahr.

Die Daten für das US-BIP im ersten Quartal stünden erst in der Berichtswoche auf dem Programm. Aber offenbar sei der "lockdown"-induzierte Einbruch im letzten Drittel des März so stark gewesen, dass er das Gesamtquartal ins Minus ziehen dürfte. Zusammen mit Zahlen, die darauf hindeuten würden, dass der Tiefpunkt im zweiten Quartal noch etwas niedriger liegen dürfte als bisher angenommen, spreche dies für eine deutliche Abwärtsrevision der US-Prognose. Auch werde das Wiederhochfahren in den kommenden Wochen offenbar gradueller und/oder regional differenzierter ausfallen, als die Analysten der Helaba zunächst unterstellt hätten. Obwohl die Analysten bei ihrem Bild einer spürbaren Erholung im dritten Quartal bleiben würden, werde es wohl etwas länger dauern, um aus dem tiefen Tal herauszukommen. Die Analysten der Helaba würden ihre Prognose für die USA für 2020 von -1,5% auf -3,5% anpassen (2021: 5,5% statt 4,5%).

Eine erste Schätzung für das BIP der Eurozone werde in der Berichtswoche erwartet. Die Wirtschaftsleistung dürfte um schätzungsweise 1,3% gegenüber Jahresende gesunken sein. Der Einbruch im zweiten Quartal werde stärker ausfallen als bislang von den Analysten der Helaba erwartet. Zum einen sei der "lockdown" insbesondere in Frankreich, Italien und Spanien länger und schärfer als angenommen. Zum anderen sei vor allem für Deutschland mit negativen Rückkopplungen aus den USA und China zu rechnen.

Die Analysten der Helaba hätten deswegen ihre BIP-Prognose 2020 für den Währungsraum auf -5% (vorher: -2,7%) heruntergenommen. Für Deutschland würden sie jetzt -4,2% erwarten (zuvor: -3,0%). Ab dem dritten Quartal sei dann - ausgehend von sehr niedrigem Niveau - mit kräftigen Wachstumsraten zu rechnen. Damit sei das Ausgangsniveau zu Beginn des nächsten Jahres hoch. Allein dieser "statistische Überhang" trage 2021 knapp 2 Prozentpunkte zum Jahreswachstum in Deutschland bei. Die Analysten der Helaba hätten deswegen sowohl ihre Prognose für Deutschland und die Eurozonen für 2021 auf +4% erhöht.

Auch in den meisten Schwellenländern gebe es mittlerweile rigide Ausgangsbeschränkungen. Allerdings würden diese Länder anders auf die Pandemie als die entwickelten Länder reagieren. Zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen hätten die Zentralbanken die Leitzinsen gesenkt und ihren Geschäftsbanken Liquiditätshilfen in Aussicht gestellt. Von der Fiskalpolitik komme hingegen weniger Unterstützung. Lateinamerika werde damit dieses Jahr um rund 4% schrumpfen (2021: +3,3%). Für Russland würden die Analysten der Helaba dieses Jahr einen Wachstumsrückgang von 3% erwarten (2021: +3%) und für die Türkei würden sie ihre Prognose auf -3,5% senken (2021:+ 4,1%).

Für die Welt insgesamt ergebe sich daraus ein Rückgang des Outputs um über 2%. Dies wäre gut dreimal so viel wie das bisher schlimmste Jahr in der jüngeren Geschichte: In der Finanzkrise 2009 fiel unser Aggregat für das Welt-BIP um 0,7%, so die Analysten der Helaba. Allerdings sprächen nicht nur die umfangreichen Gegenmaßnahmen der Fiskal- und Geldpolitik für eine relativ kurze Kontraktion. Der Vergleich mit dem zyklischen Phänomen "Rezession" hinke in vieler Hinsicht. Zwar falle auch diesmal der Output. Die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise würden aber in ihrer Abruptheit und in ihrem Ausmaß eher Parallelen zu (regional begrenzten) Naturkatastrophen wie Stürmen, Vulkanausbrüchen oder Überflutungen aufweisen als zur Korrektur zyklischer Ungleichgewichte, wie sie in einer üblichen "Rezession" stattfinde.

Eine längere Schwächephase könnte sich anschließen. Dies sei aber alles andere als ausgemacht und hänge auch von Umfang und Wirksamkeit der kurzfristigen staatlichen Interventionen ab. Bevor man versuche, die auf längere Sicht erforderlichen Mittel für einen "Wiederaufbau" zu quantifizieren, sollte der Fokus zunächst weiter klar auf Soforthilfemaßnahmen liegen. Dies sei leider nicht überall zu beobachten. (24.04.2020/ac/a/m)