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Mo, 8. März 2021, 16:17 Uhr

Hüfners Wochenkommentar: Kein Double Dip


30.07.10 16:10
Redaktion boerse-frankfurt.de

Die Ängste vor einer neuen Rezession in den USA sind verständlich. Es wird aber nicht dazu kommen. Hilfreich ist das neue amerikanische Wirtschaftsmodell. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit sichern die Exporte die Konjunktur ab. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum in den USA wird sich im zweiten Halbjahr verringern mit negativen Rückwirkungen auch auf China und Europa.

30. Juli 2010. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die Amerikaner sind besorgt. Von der Konjunktur gibt es schlechte Nachrichten. In dieser Woche sind die Auftragseingänge in der Industrie überraschend gesunken. Das Verbrauchervertrauen hat sich weiter eingetrübt. Das "Beige Book" der Notenbank zeigt, dass die Lage in einigen Regionen schlechter geworden ist. Zudem erholt sich der Häusermarkt nicht. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Ist der Aufschwung in den USA schon wieder zu Ende? Müssen wir den berüchtigten "Double Dip" befürchten, also eine Rezession mit zwei Talsohlen?

Meine Antwort ist Nein. Die Ängste sind überzogen. Natürlich befindet sich die amerikanische Wirtschaft in einer schwierigen Situation. Die fiskalpolitischen Ankurbelungsmaßnahmen laufen aus. Sie haben die Konjunktur nach Berechnungen von Goldman Sachs bis jetzt mit 1,3 Wachstumsprozentpunkten gestützt. In Zukunft werden sie 1,7 Punkte abziehen. Die Lageraufstockung geht ihrem Ende entgegen. Wenn die Konjunktur weiterlaufen soll, dann müssen die Unternehmen wieder mehr investieren. Die Konsumenten müssen wieder mehr kaufen. Dafür muss es mehr Beschäftigung und Einkommen geben. An all dem hapert es.

Aber das ist nichts Neues. Es war zu erwarten. Es war der Grund, weshalb alle Welt damit rechnete, dass es nach der Rezession nicht gradlinig nach oben geht. Statt eines "V" sollte es ein "W" geben. Natürlich gibt es bei einem solchen Pferdewechsel von staatlich induzierter Nachfrage zu einem sich selbst tragenden Aufschwung Unsicherheiten. Es kann passieren, dass es nicht klappt.

Das ist aber unwahrscheinlich. Dafür spricht zunächst der Augenschein. Die Stimmung in der amerikanischen Industrie ist nicht so schlecht, wie oft gesagt wird. Der wichtigste Geschäftsklimaindikator, der Index des Institute of Supply Management (ISM), hat sich zuletzt zwar etwas verschlechtert, er liegt aber mit 56 immer noch deutlich in der Expansionszone (das heißt über 50). Wenn man sich den Trend anschaut, deutet auf absehbare Zeit nichts auf einen neuen Einbruch wie Anfang 2009 hin. Der Index befindet sich meilenweit von dem vorherigen Tief entfernt. Er liegt derzeit immer noch auf einem Niveau wie 2005.

Sieht das nach einer Rezession aus? ISM-Index in den USA seit 2004

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Die Unternehmensgewinne des zweiten Quartals, die in diesen Tagen veröffentlicht werden, sind mehrheitlich besser als erwartet. Die Unternehmen expandieren und sie machen Geschäfte. Die Erträge sind die Basis für zukünftige Investitionen.

Man soll sich also durch die vielen Daten, die jeden Tag veröffentlicht werden, nicht verrückt machen lassen. Der grundlegende Trend der amerikanischen Konjunktur ist nicht so schlecht. Dieser Trend ist – und das ist wichtig – ökonomisch gut fundiert. Er wird nicht mehr in erster Linie von den hochverschuldeten Verbrauchern getragen. Wir erleben in den USA im Augenblick ein ganz neues Wirtschaftsmodell. Ein wichtiger Treiber der Konjunktur ist erstmals der Export. Die Ausfuhren stiegen zuletzt um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das hatte bis vor kurzem niemand auf der Rechnung. Allein von daher kommt rein rechnerisch über ein Prozentpunkt gesamtwirtschaftliches Wachstum.

Das gibt der Konjunktur in der gegenwärtigen Phase eine gute Basis. Denn der Welthandel expandiert. Die Frachtraten in der internationalen Schifffahrt ziehen wieder an. Die großen Kraftfelder der Weltwirtschaft sind intakt. China ist im zweiten Quartal um 10,3 Prozent gewachsen. Indien wird nur wenig dahinter zurückbleiben. General Motors setzte im ersten Halbjahr erstmals mehr Autos in China als in den USA ab. Gleichzeitig legt Europa trotz der Staatsschuldenkrise in Südeuropa einen Wachstumsspurt hin. Die Zahlen für das zweite Quartal sind zwar noch nicht veröffentlicht. Sie werden jedoch aller Voraussicht nach höher sein als alles, was man den Europäern normalerweise zutraut. Vor allem Deutschland geht es gut. Die Wachstumsprognosen werden hier gerade wieder nach oben revidiert. Euroland nimmt rund 20 Prozent der gesamten US-Exporte ab.

Asien (ohne Japan) und Europa machen zusammen gut 40 Prozent des Weltsozialprodukts aus (Europa 27 Prozent, Asien 14 Prozent). Dazu kommt das für die Vereinigten Staaten wichtige Lateinamerika mit einem Wachstum von rund 4 Prozent in diesem Jahr. All das sichert die US-Konjunktur nach unten ab.

Andererseits muss man aber auch die Kehrseite sehen. Die USA sind ebenfalls ein wichtiger Spieler im Welthandel. Sie erwirtschaften 24 Prozent des Weltsozialprodukts. Wenn sie schwächeln, wird das nicht ohne Rückwirkung auf die anderen bleiben. Für China ist bereits absehbar, dass sich die Wachstumsraten in den kommenden Quartalen verringern.

Auch in Europa wird sich die gute Entwicklung des zweiten Quartals so nicht fortsetzen. Kann das am Ende zu einem "Circulus Vitiosus" mit einer sich gegenseitig verstärkenden Spirale nach unten führen? Ich glaube kaum. Bei aller Auslandsabhängigkeit sind diese Märkte doch so groß, dass sie auch ein erhebliches Eigengewicht haben.

Für den Anleger


Die amerikanische Wirtschaft wird nicht in eine neue Rezession fallen. Es wird auch keine Deflation mit längerfristig sinkenden Preisen geben. Das einzige was passieren kann und passieren wird ist, dass sich das Wachstum abschwächt von vielleicht 2 Prozent im ersten Halbjahr auf 1 Prozent im zweiten. Das ist nicht mehr schrecklich viel Dynamik. Angesichts der allgemeinen Volatilität kann da niemand ausschließen, dass es da auch einmal ein Quartal gibt, in dem das reale Bruttoinlandsprodukt der USA temporär zurückgeht. Die Kapitalmärkte der USA gehören daher zumindest für Europäer in den nächsten Monaten nicht zu den Top-Anlageplätzen der Welt. Dies auch deshalb, weil sich das langsamere Wachstum früher oder später am Devisenmarkt in wieder schwächeren Dollarkursen zeigen wird. Die US-Notenbank wird anders als in der letzten Aufschwungphase aller Voraussicht nach länger als die Europäische Zentralbank warten, bis sie die Zinsen erhöht.


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