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Fr, 17. April 2026, 13:28 Uhr

Articon attraktiv


22.11.99 00:00
Stisweekly

Etwas im Getöse der neuentflammten Euphorie am Neuen Markt untergegangen sei die einschneidende geschäftliche Veränderung, die sich am Dienstag bei Articon (WKN 508770) ergeben habe, berichten die Analysten von Stisweekly.

Man übernehme - vorbehaltlich der Genehmigung durch die a.o. Hauptversammlung im Januar - den britischen Netzwerksicherheitsspezialisten Integralis, der - bezogen auf den Umsatz - etwa dreimal so groß sei wie Articon selbst. Zusammen würde man im laufenden Jahr auf einen Umsatz von etwa 60 Mio. Euro kommen. Im nächsten Jahr dürften 90 Mio. Euro erreichbar sein.

Integralis sei 1988 gegründet worden und habe seitdem eine rasante Entwicklung genommen. Der Umsatz sei im langjährigen Durchschnitt um ca. 70 Prozent p. a. gesteigert worden. Im laufenden Jahr werde man etwa 30 Mio. Pfund umsetzen, was etwa 92 Mio. DM (47 Mio. Euro) entspreche. Articon selbst plane für dieses Jahr einen Umsatz von 15 Mio. Euro. Der Kaufpreis sei für die Articon Aktionäre sehr attraktiv: Articon finanziere die Übernahme durch einen Aktientausch. Die Aktienzahl erhöhe sich dadurch von ca. 5 Mio. auf 9 Mio. Stück. Für die Aktionäre sei erheblicher Wert geschaffen worden: Während Articon vor dieser Transaktion mit dem 10-fachen des diesjährigen Umsatzes bewertet worden sei, reduziere sich die Bewertung nun auf das 4,5-fache. Dieser Bewertungsrückgang sei jedoch nicht durch eine geringere Qualität des kombinierten Unternehmens erkauft worden: Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 70 Prozent in den vergangenen Jahren sei Integralis ähnlich wachstumsstark wie Articon selbst. Auch für das laufende Jahr plane man eine Umsatzsteigerung in dieser Größenordnung. Im Gegensatz zu Articon arbeite Integralis bereits seit Jahren profitabel und werde in diesem Jahr eine Rendite von voraussichtlich etwa 3% netto erzielen. Vor diesem Hintergrund hätte Integralis wohl problemlos selbst einen Börsengang durchführen können. Hinzu kämen Synergieeffekte, die eine steigende Profitabilität erwarten ließen.

Zusammen sei man nun in den wichtigsten Märkten Europas tätig: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Schweiz und Tschechien. Schon bald wolle man in die Benelux-Staaten und nach Skandinavien expandieren. Mit der nun erreichten Größe sei man sowohl umsatzmäßig als auch geographisch mit Abstand Marktführer in Europa.

Synergieeffekte seien in hohem Maße zu erwarten: Produkte, die von beiden Gesellschaften angeboten würden könnten in Zukunft zusammengeführt und dadurch die Rentabilität gesteigert werden. Beide Gesellschaften würden zum Beispiel die Fernüberwachung von Firewalls anbieten. Diesen Service könnte man in Zukunft statt in zwei in einer Alarmzentrale konzentrieren. Weitere Synergieeffekte würden bei Produkten liegen, die nur von einer Gesellschaft angeboten würden, und die nun in größeren Stückzahlen vertrieben werden können, zum Beispiel die Hacker-Versicherung (Articon) oder die E-Mail-Filterung im Outsourcing (Integralis).

Synergieeffekte seien auch auf Kundenseite zu erwarten, denn bei Articon stehe mehr als die Hälfte aller DAX-Unternehmen und bei Integralis mehr als die Hälfte aller FT-SE-100 Unternehmen auf der Kundenliste. Diese Firmen seien häufig in vielen europäischen Ländern vertreten und könnten nun aus einer Hand bedient werden.

Durch höhere Stückzahlen dürfte auch der Einkauf profitieren. Die europaweite Präsenz dürfte sich für Articon steuermindernd auswirken.
Das neue Management werde sich aus den bisherigen Vorständen von Integralis und Articon zusammensetzen und damit sechs Personen umfassen. Dies sei für einen Neuer-Markt-Wert in dieser Größenordnung ein sehr wichtiger Vorteil, da zu erwarten sei, dass das Unternehmen gut geführt werden könne. Voraussetzung sei freilich, dass das Management harmoniere.

Nach den Übernahmen von ComCAD und Tercom in den letzten Monaten sowie den für 1999 aufgelaufenen Verlusten plane Articon-Integralis Anfang des kommenden Jahres eine Kapitalerhöhung. Kapitalbedarf bestehe für das weitere interne und externe Wachstum der Gesellschaft sowie für die erfolgsabhängigen Anteile der Übernahmepreise von ComCAD und Tercom. Zudem sei wahrscheinlich, dass Integralis als nicht börsennotiertes Unternehmen eher schwach mit Eigenkapital ausgestattet gewesen sei. Daher sei es sinnvoll, mit einer Erhöhung des Grundkapitals von 10 bis 15 Prozent das Unternehmen auf eine solide Basis zu stellen.

Eine Aufnahme in den NEMAX 50 Index sei damit in greifbare Nähe gerückt: Bei neun Millionen ausstehenden Aktien und einem Kurs von derzeit ca. 35 Euro liege die Marktkapitalisierung bei 315 Mio. Euro. Nehme man an, dass sich die Aktienzahl nach der Kapitalerhöhung auf 10 Mio. Stück erhöhe, liege die Marktkapitalisierung bei 350 Mio. Euro und damit exakt an der derzeitigen Eintrittsschwelle zum NEMAX 50. Zwar würden in den nächsten Wochen noch einige Schwergewichte an die Börse kommen (darunter z. B. die Mobilcom-Tochter freenet.de), die durch die Übernahme deutlich vergünstigten Bewertungsrelationen und die deutlich verbesserte strategische Position ließen jedoch für die Zukunft eine positive Kursentwicklung erwarten.

Bezogen auf den Umsatz sei Articon heute nur halb so hoch bewertet wie zur Emission und um Faktor vier geringer als zur Erstnotiz und das obwohl sich die strategische Position in diesem Zeitraum deutlich verbessert habe, da man mittlerweile unangefochtener europäischer Marktführer sei. Auch dürften die zur Emission genannten langfristigen Renditeziele (15% Netto-Umsatzrendite) mittlerweile deutlich realistischer erscheinen, da man eine Reihe von Produkten anbiete, die hohe Skaleneffekte aufweisen (z. B. Alarmzentrale, Trustcenter) würden. Um bei einer Ertragswertrechnung auf der sicheren Seite zu liegen, haben die Experten ein Renditeziel von 10 Prozent angenommen, welches immer noch deutlich über dem Branchendurchschnitt der IT-Dienstleister liege.

Da die europäische Expansion mittlerweile weit fortgeschritten sei, dürften Wachstumsraten von 100 Prozent pro Jahr nur noch schwer erreicht werden. Marktforscher rechnen mit Wachstumsraten von ca. 40 Prozent p. a. für den Netzwerksicherheitsmarkt. Als Marktführer dürfte Articon-Integralis dieses Tempo mindestens erreichen, da Marktführer in den meisten Märkten schneller als der Markt wachsen könnten und da weitere Märkte in Europa erschlossen werden könnten. Konkret seien Italien, Spanien, Portugal, Benelux, Skandinavien, Polen und Ungarn noch unerschlossen.

Einhergehend mit der antizipierten Verlangsamung des Umsatzwachstums und der Nutzung von Synergieeffekten dürfte die Profitabilität steigen. Für das laufende Jahr rechnen die Experten aufgrund der vorliegenden 9-Monatsergebnisse von Articon sowie der angepeilten Rendite von 3 Prozent nach Steuern bei Integralis für den Gesamtkonzern mit einer Rendite von minus 7 Prozent. Im kommenden Jahr dürfte der Turnaround erreicht und im Jahr 2001 ein Gewinn nach Steuern von 5 Prozent des Umsatzes realistisch sein. Ab dem Jahr 2002 rechnen die Analysten mit einem Rückgang der Wachstumsrate auf 30 Prozent, was eine Steigerung der Rentabilität auf 10 Prozent des Umsatzes ermöglichen dürfte.

Aufgrund des in letzter Zeit gestiegenen Zinsniveaus haben die Analysten zur Ertragsdiskontierung einen Zinssatz von 10 Prozent verwendet. Insgesamt dürfte die Schätzung eher konservativ sein, da Articon als europäischer Marktführer im IT-Sicherheitsbereich das Potential besitze, sich angrenzende Marktsegmente und neue Märkte zu erschließen Das Hauptrisiko bei der Akquisition bestehe darin, dass das neu zusammengesetzte Management nicht optimal zusammenarbeite. Dies werde sich in den kommenden Monaten zeigen und stelle durchaus eine Gefahr dar. Für Investoren, die sich dieses Risikos bewusst seien, biete Articon aufgrund der Marktführerschaft und der fairen Bewertung ein attraktives Chance/Risikoverhältnis, nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer möglichen Aufnahme in den NEMAX 50 Index und den weiteren vorgesehenen Übernahmen.