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Sa, 18. April 2026, 6:27 Uhr

Deutschland ist "overbanked"


02.04.02 16:15
Investor-Village

Den Analysten von "Investor-Village" zufolge ist Deutschland "overbanked".

Früher sei alles einfacher gewesen: die Banken hätten Geld eingesammelt und Kredite "genehmigt", wenn der Kunde eine genügend hohe Bonität gehabt habe. Kapital sei knapp gewesen. Als Kunde sei man fast Bittsteller gewesen. Die Altersversorgung sei weitestgehend staatlich geregelt worden.

Konsumentenkredite hätten eine geringere Rolle gespielt. 1957 habe der konservative Kanzler Adenauer die sogenannte "dynamische Altersrente" als Wahlgeschenk eingeführt. Dies sei eigentlich ein Etikettenschwindel gewesen, denn das Wort "dynamisch" habe besagt, dass die laufenden Kosten aus den laufenden Einnahmen gedeckt werden sollten.

Solange die Wirtschaft dynamisch wachset, sei das kein Problem. Wenn aber die Wirtschaft stagniere, schrumpfe oder die Bevölkerung überaltere, könne das System nicht mehr funktionieren. Lange hätten die Politiker dies geleugnet ("unsere Rente ist sicher), heute würden es alle zugeben. Das Thema der privaten Altersvorsorge sei für Privatpersonen sehr wichtig geworden.

Finanzen und Finanzplanung würden immer wichtiger. Dies hätten Unternehmen wie MLP, AWD oder Tecis frühzeitig erkannt und den Banken Marktanteile abgegraben. Mit einem vertriebsorientierten Konzept hätten sie den Markt aufgerollt. MLP sei im Revolutionärsportfolio der Analysten und mittlerweile auch im DAX vertreten. Das Unternehmen sei hoch bewertet, habe aber das Potenzial, zu einem sehr großen Finanzdienstleister zu werden. Nur die Versicherungen könnten bei dieser Dynamik mithalten, die klassischen Banken nicht. Klassische Banken hätten gleich mehrere Handicaps: ihre Mitarbeiter seien nicht einer ähnlich knallharten Vertriebsdisziplin unterworfen wie zum Beispiel MLP-Mitarbeiter. Sie seien außerdem durch hohe Infrastrukturkosten beim Filialnetz gehemmt.

Die Commerzbank wolle sich umstrukturieren und sich von unprofitablen Kunden trennen. Auch langjährige Kunden seien davon betroffen. Derzeit würden die Preise aller Commerzbank-Produkte überprüft. In diesem Zusammenhang würden die Kosten vieler Produkte und Darlehen steigen. Kostensenkungen und der Verkauf von Geschäftsbereichen sollen die Ertragslage verbessern. Insgesamt peile die Commerzbank eine Eigenkapitalrendite von 10% an. Das scheine den Analysten allzu optimistisch.

Die Dresdner Bank sei im Allianz-Konzern aufgegangen. Das Privatkundengeschäft und der Vertrieb von Finanzprodukten würden wohl zunehmend verschmelzen, so dass hier "operative Synergien genutzt werden können", wie es in der Management-Sprache so schön heiße. Im Klartext heiße es natürlich, dass viele Filialen geschlossen und viele Mitarbeiter entlassen würden.

Deutschland sei "overbanked", das heiße, es gebe zu viele Bankfilialen. Auch die Deutsche Bank habe dies erkannt und schon vor einiger Zeit die Deutsche Bank 24 ausgegliedert. Die Fusion mit der Dresdner Bank sei geplatzt, aber tendenziell stehe die BD24 zum Verkauf. Stattdessen wolle die Deutsche Bank zu einer internationalen Top-Investmentbank werden und sei auf diesem Weg auch schon erstaunlich weit vorangekommen.

In der Zukunft versprächen drei Modelle Erfolg – billige Massentransaktion, Kundenberatung und Investmentbanking. Die Top-Unternehmen der ersten beiden Kategorien würden sich für Privatanleger eignen. Im ersten Modell könnten Unternehmen wie die Citibank oder die Deutsche Bank 24 aufgrund ihrer Größe und durch den intelligenten Einsatz von Technologie kostengünstig arbeiten. Beim zweiten Modell (MLP, Allianz) werde der Mehrwert durch Kundenbindung und langfristige Verträge generiert.

Investmentbanking könne hohe Margen generieren und habe ein Top-Image, sei aber auch ein riskantes Geschäft. Deswegen seien Aktien von Unternehmen wie Merrill Lynch, Goldman Sachs oder auch der zukünftigen Deutschen Bank für Privatanleger nicht so attraktiv. Die hohen Einnahmen würden benötigt, um die exorbitanten Gehälter der Investment-Banker zu bezahlen.

Finanzen würden mehr und mehr zu einem "normalen" Konsumgut wie ein Auto, ein Telefon oder eine Waschmaschine. Dem Geld hafte zwar nach wie vor manchmal eine gewisse mystische Aura an. Insgesamt werde aber der Markt für Privatanleger überschaubarer. Unternehmen, die auf Information und Beratung setzen, würden davon profitieren. Allerdings würden sich nur die besten durchsetzen, denn die Konkurrenz sei hoch.





 
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