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Ölmarkt droht neue Krise?


03.03.11 14:16
Geldanlage-Report

Gerbrunn (aktiencheck.de AG) - Der aktuelle Ölpreisanstieg ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Finanzmärkte von Emotionen wie Angst und Gier regiert werden, so die Experten vom "Geldanlage-Report".

Die Experten vom "Geldanlage-Report" erläutern, warum der Anstieg des Ölpreises auf Basis einer reinen Angebots-/Nachfrage-Betrachtung kaum gerechtfertigt ist und warum die Marktteilnehmer trotzdem durch panikartige Käufe den Preis in die Höhe treiben.

Die Experten würden zunächst einen Blick auf die neueste Entwicklung des Ölpreises (Stand Freitag 14.00 Uhr) werfen: Nachdem der Ölpreis gestern zum Schluss des US-Handels stark ins Minus gerutscht sei und sich von den Höchstständen von über 100 US-Dollar entfernt habe, sei momentan bereits wieder ein leichtes Anziehen der Notizen feststellbar. Ein Barrel (159 Liter) der US-Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im August notiere bei ca. 97,50 US-Dollar, ein Barrel der Norseesorte Brent schlage mit 122,20 US-Dollar zu Buche. (Die Preisdifferenz zwischen WTI und Brent habe übrigens nichts mit den aktuellen Entwicklungen zu tun, sondern liege u. a. an der bereits seit längerem höheren Nachfrage in Europa im Vergleich zu den USA, dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine, der Kältewelle in Europa und anderen temporären Effekten.)

Es sei ein enormer Preisspike durch die Unruhen in den arabischen Ländern entstanden. Erst mit dem Übergriff auf Libyen sei tatsächlich ein wichtiges Öl exportierendes Land betroffen. Libyen liefere täglich etwa 1,6 Millionen Barrel, davon würden 80 Prozent nach Europa exportiert. Aktuelle Schätzungen würden davon ausgehen, dass momentan nur 400.000 Barrel am Tag tatsächlich ausfallen würden. Einige vor Ort ansässige westliche Ölproduzenten hätten ihre Mitarbeiter aufgrund der Gefahren abgezogen und die Produktion vorübergehend stillgelegt. Saudi-Arabien habe nach eigenen Angaben aber zusätzliche Produktionsreserven von über vier Millionen Barrel am Tag und die Produktion auch bereits erhöht. Selbst ein Komplettausfall Libyens könnte damit wettgemacht werden.

Das einzige Problem liege momentan darin, dass sich die Ausfälle auf sehr hochwertiges, leichtes Öl beziehen würden, das Saudi-Arabien aber nach Meinung von Experten nur schwer liefern könne. Insbesondere europäische Investoren hätten sich deshalb an den Futures-Märkten mit Vorratskäufen gegen eine mögliche Knappheit bzw. Versorgungsengpässe abgesichert. Ganz nachvollziehbar sei das trotzdem nicht, denn auch die Vorratslager seien weltweit immer noch prall gefüllt.

Die Gefahr an der aktuellen Konstellation sei eigentlich die gleiche wie immer: Sollte es zu Engpässen kommen, gebe es im Prinzip nur ein Land, das ausreichend hohe Förderkapazitäten habe, um im Notfall einzuspringen - und das sei das oben genannte Saudi-Arabien.

Diese Abhängigkeit von den Saudis und ihrem König Abdullah sei es, was Institutionelle Anleger und Spekulanten gleichermaßen in helle Aufregung versetze. Denn sollten die Unruhen tatsächlich auf Saudi-Arabien übergreifen und Teile der dortigen Ölproduktion gefährdet sein, würde tatsächlich eine neue Ölkrise wahrscheinlich. Zu dominant sei das Königreich mit seinen von der OPEC auf 3,76 Millionen Barrel je Tag taxierten Reserven im Verhältnis zu den OPEC-Gesamtreserven von 4,65 Millionen Barrel. Letztere würden wiederum 80 Prozent der Weltproduktion ausmachen.

Daher leuchte es auch ein, dass sich der Ölpreis erst beruhigt habe, als am Donnerstag Abdullah nach seiner Rückkehr aus Marokko ein milliardenschweres Wohlfahrtspaket für die Bevölkerung angekündigt habe: Geschätzte 36 Milliarden US-Dollar sollten an Sozialmaßnahmen an die Bewohner fließen. Neue Kundgebungen gegen das Regime seien nun erst für den 11. März angekündigt. Die entscheidende Frage sei, ob sich die Lage bis dahin bereits wieder etwas beruhigt habe.

Unmittelbare neue Gefahren könnten sich allerdings durch Unruhen in Algerien und vor allem dem Iran ergeben. Dort sei es bereits zu ersten Unruhen gekommen und der Iran sei mit einer Förderung von 3,7 Millionen Barrel weltweit der nach Saudi-Arabien zweitwichtigste Produzent. Die Lage dürfte also vorerst angespannt bleiben.

Interessant sei in diesem Zusammenhang auch die scheinheilige Rolle der OPEC im weltweiten Ölpoker. Was viele nicht wissen würden:

Saudi-Arabien halte gigantische Reservekapazitäten, bei denen die Förderkosten je nach geologischen Bedingungen bei zehn bis 40 US-Dollar je Barrel lägen, bewusst zurück. Das heiße: Öl könnte viel günstiger sein, wenn die Saudis und die OPEC ein Interesse daran hätten und mit offenen Karten spielen würden. Die OPEC hätte die Möglichkeit, durch eine schnelle Erhöhung der Förderkapazitäten die Angst sofort aus dem Markt zu nehmen. Die Argumentation der Organisation der erdölexportierenden Länder, wonach das die Märkte nur beunruhigen und die Preise weiter nach oben treiben würde, sei eher fadenscheinig und scheinheilig.

Bereits in den Boomjahren 2006 bis 2008, als der Ölpreis sein bisheriges Allzeithoch bei knapp 150 US-Dollar je Barrel erreicht habe, habe die OPEC nur sehr zögerlich und spät mit einer Erhöhung der Fördermenge reagiert und so den Anstieg indirekt unterstützt.

Die Gewinne der OPEC-Länder würden nach den Zahlen der Energy Information Administration (EIA) von hohem Niveau aus weiter massiv ansteigen. Die Exportgewinne dürften 2010 bereits bei 750 Milliarden US-Dollar gelegen haben, gegenüber 571 Milliarden in 2009. Für 2011 würden Gewinne in Höhe von 847 Milliarden US-Dollar prognostiziert.

Natürlich habe die OPEC kein Interesse an einer Ölkrise, die wiederum eine erneute weltweite Rezession verursachen könnte. Denn dann würde der Ölpreis wegen der zurückgehenden Nachfrage ebenfalls deutlich fallen und damit auch die Gewinne der OPEC-Staaten fürchten. Aber durch cleveres Taktieren, den aktuellen Preis möglichst hoch zu halten, daran habe die OPEC sehr wohl ein Interesse. Auch wenn die Situation angespannt sei und Anleger wachsam sein sollten, so bestehe kein Grund zur Panik. Im Gegenteil: Die Chancen, dass sich der Ölpreis nun zunächst wieder beruhige und sogar etwas zurückkomme, seien nicht schlecht.

Die Reaktion der Aktienmärkte müsse vor dem Hintergrund des zuletzt stark überkauften Marktes gesehen werden. Der DAX notiere aktuell immer noch fast 30 Prozent höher als vor Jahresfrist. Seit September 2010 sei der Markt fast ununterbrochen gestiegen. Eine Korrektur sei überfällig gewesen.

Die Marktteilnehmer würden die Unruhen im Mittleren Osten teilweise wohl auch als willkommenen Anlass nehmen, um endlich Gewinne mitzunehmen. Gut möglich, dass wir die kurzfristigen Korrekturtiefs bereits gesehen hätten und der Markt angesichts der weiter guten Rahmenbedingungen für Aktien nun wieder nach oben laufe und bald neue Hochs markiere.

Es drohe keine neue Ölkrise. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Unruhen auf Saudi-Arabien überschwappen würden, sei gering. Ein kleiner Unsicherheitsfaktor sei der Iran. Die Korrekturtiefs könnten bereits hinter uns liegen. Die Rahmenbedingungen für Aktien seien weiter gut. (03.03.2011/ac/a/m)





 
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