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Fr, 17. April 2026, 10:25 Uhr

Philip Morris kaufen


13.03.00 00:00
Stisweekly

13.03.00
Jahrelang hätte Philip Morris (WKN 860750) den S&P 500 Index kontinuierlich outperformen können und das aus gutem Grund: Schließlich hätte der Gewinn pro Aktie im Zeitraum 1988 bis 1998 jährlich um durchschnittlich 14,3 % gesteigert werden können.

Noch kurz vor der im Jahr 1995 einsetzenden Technologiehausse wäre Philip Morris sogar als Wachstumswert in zahlreichen Publikationen empfohlen worden. Doch die Erfolgsstory hätte ein abruptes Ende genommen, als eine unausweichliche Klagelawine die US-Tabakindustrie überrollte habe und nun Schadenersatzzahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe drohen würden . Als größter US-Tabakkonzern wäre Philip Morris mit einem Kursverlust von 70 % dabei besonders stark unter die Räder gekommen. Ängste vor einem möglichen Konkurs der gesamten US-Tabakindustrie im Falle von sofort wirksam werdenden Schadenersatzzahlungen in Höhe von bis zu 500 Mrd. USD hätte die Wallstreet in Angst und Schrecken versetzt. Dabei wäre ganz vergessen worden, dass Philip Morris mehr sei als nur "Mr. Marlboro", denn um die Abhängigkeit vom Tabakgeschäft zu verringern, wäre bereits in den letzten Jahrzehnten eine Diversifikation in die Bereiche Nahrungsmittel, Getränke und Finanzdienstleistungen erfolgt. 1999 wären nur noch 50 % der Umsätze und knapp zwei Drittel der Erträge mit Zigaretten erwirtschaftet worden. Obwohl sich Philip Morris langsam zu einem Anbieter hochwertiger Konsumgüter entwickelt hätte, stiege und fiele der Aktienkurs mit dem Image der Marke Marlboro. Das sei sogar soweit gegangen, dass der Tabakteil von der Börse de facto zur Gänze abgeschrieben wurde, denn auf Basis der Gewinnschätzung für 2001 errechne sich bei einem Kurs von 20,30 USD ein KGV von 4,70. Selbst im Falle einer vollständigen Einstellung der Tabakproduktion in den USA sei Philip Morris dann noch als Konsumgüterhersteller verhältnismäßig günstig bewertet. Trotzdem solle man diese Aktie nicht sofort gedankenlos ins Depot legen, denn die ganze Sache hätte natürlich einen Haken. Bei der scheinbar krassen Unterbewertung würde es sich um eine Risikoprämie für Prozessrisiken handeln in unbekannter Größenordnung. Der Erfolg des Unternehmens hänge deshalb Großteils von den Diversifikationsbemühungen des Managements ab. Firmenakquisitionen in wachstumsstarken Segmenten seien unbedingt erforderlich, um mögliche Ertragseinbußen im umstrittenen Tabakgeschäft und in der hart umkämpften Nahrungsmittelbranche auszugleichen.

Weltweit größter Konsumgüterproduzent

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 1999 hätte der nach eigenen Angaben weltweit größte Hersteller von verpackten Konsumgütern mit seinen 144.000 Beschäftigten einen Konzernumsatz von 78,60 Mrd. USD erzielt, wovon der Löwenanteil auf die drei wichtigsten Geschäftsfelder, nämlich Tabak, Nahrungsmittel und Getränke entfallen sei. Die gesamte Unternehmensgruppe verfüge über ein breit gestreutes Portfolio bestehend aus 73 Marken, die durchschnittlich über 100 Mio. USD umsetzten. Davon generierten alleine zwölf Top-Marken inklusive der Marke Marlboro einen Jahresumsatz von über 1 Mrd. USD. Trotzdem würden immer wieder Ängste vor einem eventuellen Konkurs im Falle sofort fällig werdender Schadenersatzzahlungen in Höhe von mehreren hundert Milliarden US-Dollar aufkeimen . Diese Befürchtungen könnten jedoch anhand genauer Zahlen, Daten und Fakten relativiert werden.

Noch mehrere Eisen im Feuer

"Es wird nie so heiß gegessen wie gekocht" - dieser Spruch könne wohl auch auf Philip Morris zutreffen. Nach den internationalen Anti-Raucher-Kampagnen hätten nicht wenige Anleger in Erwartung drastischer Umsatzeinbrüche ihre Philip Morris Aktien abgestoßen. Doch unter dem Aspekt von Umsatz -und Ertragseinbrüchen im Tabak-Geschäft könne hier sogar von einer groben Fehleinschätzung gesprochen werden. Denn entgegen aller Erwartungen hätte 1999 in den USA der Tabakumsatz um 28 % auf 19,60 Mrd. USD gesteigert werden können. Dass es sich dabei um keine vorübergehende Sondersituation handele, zeige die Wachstumsrate von 27,7% im vierten Quartal. Die Situation erwecke bei älteren Amerikanern sogar Erinnerungen an die Zeit der Prohibition in den 20er-Jahren, als trotz strikten Alkoholverbots der Alkoholkonsum einen historischen Rekordstand erreichte. Unter dem Motto: "Verbotene Früchte schmecken besser" griffen anscheinend zahlreiche Gelegenheitsraucher immer öfter zu ihrer Marlboro. Letztere zählt mit einem Marktanteil von über 36 % in den USA zur weltweit bestverkauftesten Zigarettenmarke und stelle die größte Cash-Cow im Markenportfolio von Philip Morris da. Doch die Cash-Cow drohe nun kräftig gemolken zu werden. Der unsichere Ausgang einer Reihe laufender Prozesse, ein Separationsprogramm zur Finanzierung von Anti-Raucher-Kampagnen und Schadenersatzzahlungen in Höhe von 3,38 Mrd. USD im Jahr 1998 ließen nicht wenige potentielle Investoren zur Zeit einen weiten Bogen um die ihrer Meinung nach "hochspekulative" Aktie machen.

Zwar richteten sich in den USA die Raucherklagen gegen Philip Morris U.S.A, das Herzstück des Konzerns. Doch für den Fall, dass fällige Schadenersatzzahlungen das Vermögen dieser Gesellschaft um ein Vielfaches übersteige, hätte das Management bereits ein Krisenkonzept in der Schublade. Sobald sich die Lage zuspitze, solle eine Aufspaltung des Konzerns in seine einzelnen Teilbereiche das Vermögen der Aktionäre sichern. Völlig übersehen worden in der Hektik der Wallstreet, wäre in diesem Zusammenhang ein Gesetz zum Schutz des Vermögens von Unternehmen, die gegen eine gerichtliche Verurteilung zu Schadenersatzzahlungen Berufung einlegen. Bisher hätten Unternehmen nach der Berufung den Betrag der gesamten Schadenssumme plus 10 % in Form von Staatsanleihen oder liquiden Mitteln bis Ende des Prozesses als Sicherheit hinterlegen müssen.

Der Senat von Virginia (Stammsitz von Philip Morris) hätte unter der Führung von Gouverneur Jim Gilmore diesen für zahlreiche Unternehmen existenzgefährdenden Anforderungen nun einen Riegel vorgeschoben, indem er die erforderlichen Sicherheiten auf einen Höchstbetrag von 25 Mio. USD begrenzte. Am 3. März 2000 stimmte der Senat mit 33 zu 6 Stimmen für eine entsprechende gesetzliche Regelung, die am 1. Juli 2000 in Kraft treten werde. Aussagen politischer Beobachter zufolge, folge das schnelle Handeln des Gouverneurs von Virginia im Vorfeld der zweiten Phase des bisher größten Raucherprozesses der amerikanischen Geschichte. Im Anti-Raucher-Staat Miami solle eine sechsköpfige Jury das gesamte Schadensausmaß der US-Tabakindustrie ermitteln. Analystenschätzungen zufolge könne sich die Schadenersatzsumme auf bis zu 500 Mrd. USD belaufen. Philip Morris U.S.A wäre im Falle einer Verurteilung mit einem Marktanteil von 49,6 % am US-Markt am stärksten betroffen. Denn in Relation zu einer dem Marktanteil zugewiesenen Schadenssumme von 250 Mrd. USD hätte der Umsatz im Jahr 1999 lediglich bei 19,60 Mrd. USD gelegen. Zur Bezahlung dieser Summe müssten in den nächsten 50 Jahren die gesamten Erträge aus dem US-Tabakgeschäft abgetreten werden, denn das Eigenkapital von 15,31 Mrd. USD reiche nicht aus, um sämtlichen potentiellen Schadenersatzforderungen nachzukommen. Eine vollständige Liquidation von Philip Morris käme deshalb schon alleine unter dem Aspekt der maximalen Schadenersatzzahlungen nicht in Frage.

Da in den USA die Anwälte an den Schadenersatzzahlungen ihrer Mandanten beteiligt seien, verfolgen diese schon alleine aus eigenen Interessen das Ziel möglichst hoher Schadenersatzzahlungen, und diese könne der ertragreiche Tabakmulti nicht an einem einzigen Tag leisten. Wenn man bedenke, dass der Konzern trotz hoher Ausgaben für Anti-Raucher-Kampagnen, Restrukturierungsaufwendungen im Getränke-Bereich und infolge der Konzentrationstendenzen im weltweiten Einzelhandel auch eines verschärften Wettbewerbsumfeldes für die Nahrungsmittelindustrie im abgelaufenen Geschäftsjahr noch immer das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit um 30,80 % auf 14,83 Mrd. USD hätte steigern können, dürfte sich ein realistisches Worst-Case-Szenario auf die Abschöpfung sämtlicher in den USA erwirtschafteten Erträge beschränken. Ein weiteres Argument, das für den Fortbestand von Philip Morris spriche, sei mehr politischer Natur: Mit alleine 7.000 Beschäftigten in Virginia zählt Philip Morris in den USA zu den größten Arbeitgebern und hat ein nicht zu unterschätzendes Wählerpotenzial auf seiner Seite. Aus diesem Grund würden sich vor allem die Republikaner auf die Seite der Tabakindustrie schlagen.

Da sich die Prozesse aufgrund der Komplexität des amerikanischen Rechtssystems noch über Jahre, unter Umständen sogar über Jahrzehnte hinziehen könnten und aufgrund der starken Konzentration im Einzelhandel im Nahrungsmittelgeschäft mit anhaltendem Margendruck zu rechnen sei, gehen die Analysten davon aus, dass die starken Gewinnzuwächse der vergangenen Jahre auf Dauer nicht gehalten werden können. Entscheidend werde vor allem ein laufender Raucher-Prozeß in Kalifornien sein, der in den nächsten Tagen zu Ende ginge und dessen Ausgang als Präzedenzfall bei weiteren Prozessen dienen werde. Doch alleine die Tatsache, dass derselbe Richter dieses Verfahren leite, der vor einem Jahr im Henely Prozeß in San Francisco Philip Morris zu einer Schadenersatzzahlung in Höhe von 50 Mio USD verurteilte, verheiße wenig Gutes. Die einzige Hoffnung liege darin, dass das Unternehmen aufgrund einer Teilschuld der Klägerin nicht zur Zahlung der vollen Schadenssumme herangezogen werde.

Aus diesem Grund gehen die Experten ab 2001, trotz einer eventuellen Expansion in den Mobilfunkbereich, lediglich von einem Gewinnwachstum von 4 % p.A. aus, das ab dem Jahr 2005 in eine Stagnation münde, da sich nach den USA auch in der EU eine starke Anti-Raucher-Politik durchsetzen könnte. Um den Risiken entgegen zu kommen, beenden die Experten mit dem Jahr 2004 den Betrachtungszeitraum und setzen den Diskontierungszins auf 18% hoch.
Sollte es zu einem Spin-Off der Lebensmittelsparte kommen, dürfte allein Kraft-Jacobs-Suchard soviel wert sein, wie die gesamte derzeitige Marktkapitalisierung.

Mit einer Dividendenrendite von 9,5 % und einem KGV von 4,7 scheine die Aktie zu den Schnäppchen der Wallstreet zu gehören. Doch der Schein könne trügen, da noch der Ausgang mehrerer Prozesse ungewiss sei und sowohl positive als auch negative Überraschungen folgen könnten. Ein Kaufargument für hartgesottene Langfristanleger hingegen wäre die Tatsache, dass der Kurs auch auf schlechtere Nachrichten hin nicht mehr weiter fiele und sich zwischen 18 und 20 USD eine Bodenbildung abzeichne. Vorsichtige Anleger sollten jedoch unbedingt den Ausgang weiterer Tabak-Prozesse abwarten und erst im Falle einer sich abzeichnenden positiven Regelung langfristige Positionen aufbauen.