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Mi, 28. Februar 2024, 10:11 Uhr

Wirtschaftliche Dynamik in China kühlt sich erkennbar ab


14.07.23 15:50
National-Bank AG

Essen (www.aktiencheck.de) - Mit dem schwächeren wirtschaftlichen Verlauf in China hat sich das globale Momentum in den letzten Monaten wieder etwas verringert: Zuletzt kühlte sich die wirtschaftliche Dynamik im Land der Mitte erkennbar ab, auch weil das gedämpfte wirtschaftliche Umfeld in den USA und Europa die chinesische Exportwirtschaft belastet, so die Analysten der National-Bank AG.

So sei etwa im Mai 2023 die Warenausfuhr im Vorjahresvergleich um 7,5% gefallen. Zudem würden die Daten darauf hinweisen, dass die Investitionsnachfrage in China - analog zur Entwicklung in vielen anderen Ländern der Region - durch das global höhere Zinsniveau gedämpft werde. Im Kern würden derzeit die Bremsspuren der wirtschaftlichen Entwicklung in den Industrienationen also nunmehr auch in den Emerging Markets Asiens spürbar, gleichwohl würden die binnenwirtschaftlichen Triebkräfte Asiens aufgrund der hohen autonomen Komponenten im Rahmen des strukturell angelegten Aufholprozesses - wie so oft in den letzten Zyklen - intakt bleiben.

Grundsätzlich dürfte hier insbesondere der durch die Corona-Krise entstandene konsumtive Nachholbedarf die Ausweitung der Inlandsnachfrage in China in diesem und im kommenden Jahr weiter stützen. Ausgehend von weiteren staatlichen Stimuli dürfte die Konjunktur gegen Herbst somit wieder vermehrt in Schwung kommen. Die Dynamik in den übrigen Volkswirtschaften der Region sei grundsätzlich weiter klar aufwärts gerichtet, vor allem Indien verzeichne eine ungebrochen dynamische wirtschaftliche Entwicklung.

Die US-Wirtschaft habe nach Überwindung einer Wachstumsschwäche im ersten Halbjahr 2022 in den Folgequartalen wieder Fahrt aufgenommen. Die von vielen Beobachtern erwartete Rezession sei bislang ausgeblieben. Die Rückführung der während der Coronakrise gebildeten Ersparnisse der privaten Haushalte, wie auch die nach wie vor günstige Arbeitsmarktsituation hätten die Konsumnachfrage stärker als in den Vorquartalen expandieren lassen. Bis zuletzt sei das Momentum der US-Volkswirtschaft derweil jedoch in der Summe abwärts gerichtet geblieben: So würden die Konsumumfragen schon seit Beginn des Jahres eine nachlassende Zuversicht der privaten Haushalte indizieren.

Auch die Konjunkturumfragen bei "Corporate America" würden bereits seit einiger Zeit auf eine bevorstehende deutlichere Abkühlung hindeuten: Der ISM-Index, der die Auftragseingänge in der Industrie abbilde, habe 2021 auf einen abwärts gerichteten Trend eingeschwenkt und weise seit Ende 2022 auf eine schrumpfende Industrieproduktion hin. Einige Zeitreihen würden mittlerweile in der Tat auf eine Rezession zum Jahreswechsel 2023/2024 deuten, habe in der Summe aber bis zuletzt die Wahrscheinlichkeit für eine bloße Abkühlung der Konjunktur überwogen: Zu groß seien noch die Überersparnisse der privaten Haushalte, zu stark noch die Effekte sprudelnder Lohneinkommen.

So hätten auch die Stäbe der US-Notenbank zuletzt die Wahrscheinlichkeit eines "Soft-Landings" weiter heraufgestuft: Die FED-Prognostiker würden letztere nunmehr als ebenso wahrscheinlich wie eine US-Rezession sehen: Ein veritabler nachhaltiger Abschwung bleibe somit folglich zumindest bis dato unwahrscheinlich.

Was vielfach übersehen werde, sei, dass die US-Volkswirtschaft quasi seit der Lehman-Krise im Umfeld eines signifikant unterdurchschnittlichen Wachstums eine sehr hohe Sparquote aufweise, was den privaten Finanzen seitdem eine enorme Resilienz verliehen habe. Dies erkläre, warum die Rezessionswahrscheinlichkeit in den USA - auch in vielen führenden ökonometrischen Modellen - immer noch relativ gering sei. Die US-Wirtschaft befinde sich vor allem am US-Arbeitsmarkt nach wie vor in der Überauslastung, ein Soft-Landing der Wirtschaft bei niedrigen Wachstumsraten wäre daher nur zu begrüßen.

Im Euroraum habe die Wirtschaftsleistung im gesamten Winterhalbjahr stagniert. Dabei habe sich insbesondere der Rückgang des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts in Deutschland deutlich niedergeschlagen. Der Zinsanstieg habe die Investition insbesondere im Baubereich belastet. Auch der private Konsum habe im Winterhalbjahr stagniert. Die schwache wirtschaftliche Entwicklung habe sich bislang noch nicht auf die europäischen Arbeitsmärkte ausgewirkt, was die Resilienz gerade des privaten Konsums vorerst noch erhöhe. Das geringe Outputniveau bei hohen Beschäftigungsquoten lasse dabei allerdings auf eine sehr geringe Produktivität schließen, was in Kombination mit den wirtschaftlichen Perspektiven für einen spürbaren Beschäftigungsabbau spreche.

Grundsätzlich sei eine Belebung der Wirtschaft derzeit nicht absehbar, im Gegenteil: Die Situation in der deutschen Leitökonomie spitze sich immer weiter zu, sodass sich auch die Lage in Gesamteuropa immer weiter verschlechtern sollte. Zudem speise sich die Resilienz der Länder des Euroraumes vor allem aus der Entwicklung des Dienstleistungssektors. Hier sei davon auszugehen, dass die Schwäche in der deutschen Industrie auf Dauer auf den Dienstleistungssektor übergreifen werde. Letztlich stelle sich mit Blick auf die Projektion der zukünftigen Dynamik der Eurozone insbesondere die Frage, wie sich der immer stärkere Einbruch in der Industrie Deutschlands erklären lasse. Hier würden sicherlich auch die globale industrielle Schwäche und ein gegenläufiger Post-Corona-Zyklus eine Rolle spielen.

Aus Sicht der Analysten würden die Daten aber nach wie vor darauf verweisen, dass es vor allem der Krieg in Osteuropa in Verbindung mit den massiv gestiegenen geopolitischen Risiken sei, der die Entwicklung bis zuletzt geprägt habe. Träfe diese Kausalkette zu, dürfte sich der Ausblick für Deutschland und Europa sukzessive weiter eintrüben. Diese Einschätzung werde auch durch die Entwicklung der verschiedensten Frühindikatoren untermauert. Der European Economic Sentiment Indicator (ESI) habe eine anhaltende Verschlechterung der Konjunktur angezeigt und der PMI-Einkaufmanagerindex sei im Mai, nach sechs Monaten leichter Zuwächse in Folge wieder zurückgegangen.

Zudem sei die Verbesserung dieses Index in den Vormonaten einzig und allein der guten Entwicklung in den Dienstleistungsbereichen geschuldet gewesen, während sich für die Unternehmen der Warenproduktion der Ausblick seit dem Jahresende 2022 kontinuierlich verdüstert habe. Daher dürfte die Wirtschaftsleistung in den kommenden Quartalen kaum expandieren können. Mitgliedstaaten mit einem höheren Dienstleistungsanteil könnten sich dabei ggf. etwas besser entwickeln als der Durchschnitt. Die gesamteuropäischen Perspektiven für das nächste Jahr dürften sich aber kaum aufhellen, solange der Krieg um die Ukraine anhalte.

Der globale Ausblick werde derzeit in summa vor allem dadurch bestimmt, dass die auch geldpolitisch induzierte wirtschaftliche Abkühlung in den Industrienationen auch in den Emerging Markets Asiens konjunkturell spürbar werde. Bei gedämpftem Welthandel würden die Wirkungskanäle über den Export und die auch weltweit spürbar gestiegenen Zinssätze verlaufen. Trotz der Abkühlung in Fernost bleibe der globale Ausblick aber resilient.

Das Interventionspotenzial Chinas werde systematisch unterschätzt - die Erfahrungen der letzten anderthalb Dekaden hätten immer wieder gezeigt, dass es sich nicht mit den Maßstäben reifer Industrienationen bemessen lasse. Im Kern komme es bei grundsätzlich robusten Perspektiven nunmehr vor allem darauf an, wie schnell sich der Preisdruck in den Industrienationen weiter ermäßige bzw. ob sich der Anstieg der internationalen Zinssätze fortsetze. Es bleibe höchstwahrscheinlich, dass sich der Disinflationsprozess weiter akzentuiere und die US-Notenbank den Zyklus alsbald beenden könne.

Die Analysten würden davon ausgehen, dass sich die konjunkturelle Dynamik in Asien spätestens zum Herbst wieder spürbar festige, während der Ausblick für die Industrienationen vorerst noch deutlich unterdurchschnittlich bleiben dürfte. Positiv wirke hier, dass die Inflation in Asien primär von temporären Schocks bei Energie und Nahrungsmitteln getrieben worden sei, die nunmehr auslaufen würden. Dies dürfte vielen Notenbanken der Region bereits auf absehbare Zeit den Spielraum verschaffen, die Zinssätze alsbald wieder zu senken. Schließlich werde die zwischenzeitlich langsamere Gangart bei den asiatischen Handelspartnern den Disinflationsprozess in den Industriestaaten stützen.

Während zumindest eine veritable Rezession in den USA unwahrscheinlich bleibe, würden die größten Risiken derzeit von der Entwicklung in Europa ausgehen: Hier scheine eine Rezession in Deutschland immer wahrscheinlicher, womit sich auch die Perspektiven für die gesamte Eurozone immer stärker eintrüben würden. (14.07.2023/ac/a/m)