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So, 5. Februar 2023, 9:42 Uhr

Der große charttechnische Jahresausblick 2023: Aktienmärkte - Chartanalyse


09.12.22 09:18
HSBC Trinkaus & Burkhardt

Düsseldorf (www.aktiencheck.de) - Das zu Ende gehende Jahr war in vielerlei Hinsicht ein ganz besonders herausforderndes: Wer hätte sich vor Jahresfrist einen Krieg mitten in Europa vorstellen können, so die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Aber auch wirtschaftlich habe es jede Menge Stolpersteine gegeben - wie z. B. die rekordhohe Inflation, die drohende Rezession sowie anhaltende Lieferkettenprobleme. Alle diese Faktoren hätten dafür gesorgt, dass bei den amerikanischen Standardwerten zwischenzeitlich das schlechteste 1. Halbjahr seit 1941 gedroht habe. Aus Investorensicht wiege aber sicherlich am schwersten, dass die Kursverluste in 2022 Aktien- und Rentenseite gleichermaßen getroffen hätten. Vor diesem Hintergrund hätten die Analysten von HSBC Trinkaus &Burkhardt mit ihrer letztjährigen Überschrift "Ein Jahr des Kapitalerhalts" sowie dem bekannten Goethe-Zitat "es nimmt der Augenblick, was Jahre geben", im doppelten Sinn einen Prognosevolltreffer gelandet. Was bleibe sonst noch von den letzten 12 Monaten? Der Dow Jones (ISIN: US2605661048, WKN: 9694202022) sei lange Zeit in Richtung der niedrigsten Anzahl positiver Handelstage seit 1931 unterwegs gewesen. Nicht nur aus Gesamtjahressicht habe es sich also um einen schwierigen Investmentjahrgang gehandelt, sondern die historisch schwache Trefferquote habe im Tagesgeschäft für eine zusätzliche Herausforderung gesorgt.

Apropos USA: Trotz Kursindex versus Performanceindex habe sich der S&P 500 (ISIN: US78378X1072, WKN: A0AET0) seit 2015 stets besser als unser heimischer DAX (ISIN: DE0008469008, WKN: 846900) entwickelt. Diese Erfolgsserie dürfte 2022 reißen: Während die US-Standardwerte Anfang Dezember noch gut 15% unter Wasser notieren würden, habe hierzulande das Kursminus auf rund 8% eingedämmt werden können. Handele es sich um eine grundsätzliche Gezeitenwende, möglicherweise sogar um ein Ende der (Performance-)Dominanz der USA? Die starke Wertentwicklung der Aktien im Verlauf des bisherigen 4. Quartals sorge für ein halbwegs versöhnliches Jahresende. Möglicherweise kämen Anleger dank dieses Silberstreifes nochmals mit einem blauen Auge davon. In der Konsequenz würden die Aktiencharts inzwischen ein konstruktiveres Bild als noch zur Jahresmitte zeigen. Damit sei die Diskrepanz zwischen der fundamentalen Ausgangslage auf der einen und den puren Charts auf der anderen Seite möglicherweise so groß wie selten zuvor. Diese besondere Konstellation stelle einen sinnvollen Einstieg im zwanzig-dreiundzwanziger Jahresausblick dar, denn in der Konsequenz dürfte der Informationsbedarf stärker ausgeprägt sein denn je!

Dem Anlegerwunsch nach Orientierung im Finanzdschungel würden die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt mit dem großen "Technischen Jahresausblick" der HSBC Rechnung tragen. Der Blick in die "vielzitierte Glaskugel" sei durchaus zu einer liebgewonnenen Tradition geworden. Müssten Anleger 2023 mit einer ähnlichen Dichte an historischen Ereignissen rechnen wie in den letzten 12 Monaten? Hätten die Aktienmärkte ihr Tief gesehen? Wo würden im neuen Jahr die größten Überraschungspotenziale oder gar Gefahren lauern? Bei der Beantwortung der drängendsten Fragen würden die Analysten ausdrücklich ein wenig "Kaffeesatz" lesen. Das Rückgrat des Jahresausblicks würden aber anerkannte Verfahren der Technischen Analyse bilden. Die Prognosetreffer aus den letzten Jahren seien den Analysten dabei Anspruch und Ansporn zugleich. "Krisenpropheten sind wie stehengebliebene Uhren. Sie gehen fast immer falsch. Doch zwei Mal am Tag zeigen sie die richtige Uhrzeit!" Dieses Zitat führe nahtlos zur derzeitigen Gretchenfrage: Würden sich die Märkte noch im Krisenmodus befinden oder liege das Schlimmste bereits hinter uns? Als argumentativen Einstieg in den Jahresausblick würden die Analysten den Jahreschart des Dow Jones wählen und damit die Tradition der Analyse sehr hoher Zeitebenen fortsetzen.

Dadurch würden sich oftmals die großen Trends identifizieren lassen, welche Investoren im hektischen Tagesgeschäft gern mal aus den Augen verlieren würden. Dank der starken Q4-Performance notiere der Dow Jones weiterhin im Dunstkreis der Trendlinie, welche die Hochpunkte von 1929 und vom Jahrtausendwechsel 1999/2000 verbinde. Im neuen Jahr werde besagter Trend von 35.050 Punkte auf 36.791 Punkte ansteigen. Das Ausloten dieser ultra-langfristigen Trendlinie verdeutliche, wie weit der idealtypische Investmentzeitraum seit 2009 die US-Märkte gen Norden geführt habe. Interessanterweise harmoniere die beschriebene Trendlinie bestens mit den Jahreshochs der letzten beiden Jahre bei 36.679/36.953 Punkten. Mit dem dadurch entstehenden Kreuzwiderstand hätten wir eine erste Schlüsselzone für ihr 2023er-Stammbuch herausgearbeitet. Auf der Unterseite würden indes die Extrempole der letzten drei Jahre (30.637/29.856/28.661 Punkte) zusammen mit der 261,8%-Projektion der Rally von 1974 bis 2000 (29.840 Punkte) sowie dem entsprechenden Pendant des Hausseimpulses von 1932 bis 2000 (30.697 Punkte) eine absolute Kernhaltezone bilden, welche als "Katastrophen-Stopp 2023" prädestiniert sei.

Die Jahreskerze von 2022 bilde darüber hinaus einen klassischen "Hammer". Dieses Umkehrmuster aus der Candlestickanalyse untermauere die Bedeutung der gerade diskutierten strategischen Stop Loss-Marken. Vielleicht hätten Anleger an dieser Stelle ein Déjà-vu: Vor zwei Jahren habe beim Dow Jones die äquivalente Kerzenformation vorgelegen! Der damalige "Hammer" sei ein gutes Omen für das Jahr 2021 gewesen. Bei genauem Hinsehen ergebe sich noch eine weitere Gemeinsamkeit. Analog zu 2020 verfüge auch die aktuelle Jahreskerze über ein höheres Hoch und ein tieferes Tief als das Vorjahrespendant. Da die Leitplanken von 2021 gesprengt würden, liege also ein sog. "outside year" vor. Grundsätzlich lege dieses besondere Kursmuster eine prozyklische Positionierung im Ausbruchsfall nahe, womit wir wieder bei den o. g. strategischen Stellschrauben wären. Auch im historischen Kontext mache das "outside year" Mut: Seit 1897 sei es beim Dow Jones zu insgesamt neun solcher Außenstäbe gekommen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 78% hätten die folgenden 12 Monate in den USA Kursgewinne gebracht. Der durchschnittliche Zuwachs liege mit fast 14% deutlich über der gemittelten Performance der letzten 120 Jahre.

Wenngleich sich auch beim DAX eine gewisse Symmetrie zur Jahreskerze von 2020 identifizieren lasse, gebe es im Vergleich zu den USA doch einen entscheidenden Unterschied: Um fünf Punkte habe das diesjährige Jahreshoch unter dem Pendant des Vorjahres gelegen, d. h hierzulande liege kein Außenstab vor. Dennoch würden die fast deckungsgleichen Jahreshochs bei 16.285/16.290 Punkten eine wichtige Signalfunktion besitzen. Auf der Unterseite sei indes die Erholung der letzten Wochen wichtig gewesen. Dadurch ergebe sich eine Jahreskerze mit markanter Lunte. Letztere sorge dafür, dass die alten Ausbruchsmarken bei rund 13.500 Punkten auf Schlusskursbasis voraussichtlich verteidigt würden. Im neuen Jahr bilde dieses Level weiterhin einen wichtigen Rückzugsbereich. Die Hoch-Tief-Spanne sei im zu Ende gehenden Jahr mit gut 4.400 Punkten übrigens fast 50% höher ausgefallen als in 2021. Da auf Phasen mit hoher Volatilität regelmäßig Perioden mit geringerer Schwankungsintensität folgen würden, könnte dies die Marschroute für 2023 abstecken. Ein wenig mehr Normalität gelte besonders, solange der DAX die angesprochen großen Leitplanken bei 13.500 bzw. 16.300 Punkten nicht verletze.

Der Jahresausblick sei der ideale Rahmen, um auch auf strategische Timing-Komponenten einzugehen - zwei Begriffe, welche sich eigentlich gegenseitig ausschließen würden. Doch der annualisierten 10-Jahres-Rendite gelinge möglicherweise genau dieses Kunststück. Zunächst zur generellen Erläuterung: Der Chart zeige die Wertentwicklung, welche Investoren in den vorangegangenen 10 Jahren mit einem Investment in den Dow Jones p. a. erzielt hätten. Per Ende November liege der Wert für die amerikanischen Standardwerte bereits wieder bei über 10% - und damit in sehr hohen Gefilden. Vereinfacht ausgedrückt würden sich die rollierenden Renditen im zweistelligen Bereich nicht mehr beliebig steigern lassen. Vielmehr werde die Luft für den Dow Jones zwischen 10% und 15% zusehends dünner. Deshalb definiere dieses Kursband so etwas wie die obere Extremzone. Andererseits kämen negative, annualisierte 10-Jahresrenditen außerhalb der 1930er-Jahre relativ selten vor und hätten in der Rückbetrachtung jeweils gute Einstiegszeitpunkte dargestellt. Damit sei dieser Taktgeber hervorragend geeignet, um Anleger zu disziplinieren und ein immer wieder festzustellendes, prozyklisches Agieren zu reduzieren.

Abseits dieses strategischen Blickwinkels würden sich noch weitere, ganz konkrete, Erkenntnisse ergeben. So weise die rollierende 10-Jahresrendite im letzten Quartal 2021 ein tieferes Hoch auf, während das Allzeithoch im Dow Jones (36.953 Punkte) von Anfang Januar 2022 stamme. Es entstehe also eine klassische negative Divergenz. Gleichzeitig "wackele" der im Frühjahr 2009 etablierte Aufwärtstrend. Per Saldo müssten sich Anleger stets vor Augen halten, wie gut die letzte Dekade verlaufen sei. Die Fortschreibung dieser Erwartungshaltung in der laufenden Dekade dürfte sich als Luftnummer und Trugschluss erweisen. Dem Thema "realistische Erwartungshaltung" hätten die Analysten im letzten Jahr bereits mit einer simplen mathematischen Betrachtung Rechnung getragen, die sie an dieser Stelle gerne wiederholen: Wenn man das Jahr 2009 als Startpunkt der erfolgreichen unteren Trendwende nach der Finanzmarktkrise nehme, dann sei der S&P 500 ausgehend vom Eröffnungskurs 2009 (903 Punkte), trotz des Rückschlags des laufenden Jahres bis Anfang Dezember 2022, auf über 4.000 Punkte gestiegen. Das entspreche über die letzten 13 Jahre immer noch einem Wertzuwachs von über 12% p.a.

Trotz der jüngsten Marktturbulenzen sei die Wertentwicklung seit 2009 somit fast zu schön um wahr zu sein. Schließlich verdoppele sich der Indexstand bei einer Wachstumsrate von 12% in gerade einmal gut sechs Jahren. Nach zehn Jahren stehe bereits mehr als eine Verdreifachung zu Buche. Man solle sich deshalb davor hüten, den Anstiegswinkel der letzten Jahre für "bare Münze" zu nehmen und einfach fortzuschreiben. Wenn Anleger dennoch für den Rest der Dekade einen ähnlich idealtypischen Verlauf - sprich einen Kursertrag von 12% p.a. - unterstellen würden, dann stünde der S&P 500 Ende 2029 bei einem Indexstand von über 9.000 Punkten. Beim NASDAQ 100 (ISIN: US6311011026, WKN: A0AE1X) summiere sich das Kursplus sogar auf über 19% p.a. Inwieweit eine Fortsetzung des Sprints der letzten Jahre realistisch sei, müsse jeder Marktteilnehmer mit sich selbst ausmachen. Ungeachtet möglicher charttechnischer Weichenstellungen würden die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt jedoch dafür plädieren, dass sich die "eitel Sonnenschein"-Phase der letzten vierzehn Jahre nicht fortsetzen werde. Vielmehr würden sie in Zukunft von deutlich geringeren Aktienerträgen ausgehen - besonders im Technologiesektor! "Passives Investieren" dürfte deshalb vor Herausforderungen stehen. Vielmehr schlage möglicherweise die "Stunde der stockpicker".

Traditionell gehöre die Analyse der Marktbreite im Rahmen des Jahresausblicks zu den absoluten Pflichtaufgaben. Dass Anleger schnell und unkompliziert mit Hilfe der Analysemethode in die Lage versetzt würden, eine große Anzahl von Aktien zu überprüfen, zähle zweifelsohne zu den wichtigsten Stärken der Technischen Analyse. Anhand der dadurch gewonnenen Eindrücke könnten Investoren entscheiden, ob eine grundsätzlich gute Marktphase vorliege, in der die Flut alle Boote hebe, oder ob der Wind eher von vorne komme. Die Analysten möchten ihre Einschätzung der grundsätzlichen Marktverfassung mit dem Blick auf den ältesten Marktbreiteindikator überhaupt beginnen: die Advance-/Decline-Linie. Dieser Marktbreitemaßstab ergebe sich aus dem Saldo von gestiegenen und gefallenen Aktien für alle an der NYSE notierten Papiere. Während die Analysten vor Jahresfrist von einer Distributionsphase ausgegangen seien, müssten Anleger seither von einem intakten Abwärtstrend ausgehen. Noch schwächer präsentiere sich der Marktbreite-Indikator für den technologielastigen NASDAQ Composite (ISIN: XC0009694271, WKN: 969427). Gerade im Lieblingssektor der letzten Dekade habe der Grad an Selektivität massiv zugenommen, sodass der Aktienmarkt in den kommenden Jahren vermutlich ein neues Zugpferd benötige.

Vereinfacht ausgedrückt sei eine Aufwärtsbewegung solange als gesund zu bezeichnen, wie diese von der Mehrzahl der Aktien getragen werde. Typisch für die Spätphase einer Hausse sei dagegen, dass nur noch wenige hochkapitalisierte Titel den zugrundeliegenden Index auf neue Hochstände ziehen würden, während die Masse der Indexmitglieder bereits zurückbleibe. Eine solche divergente Entwicklung habe sich jeweils im Vorfeld der beiden großen, oberen Marktwendepunkte von 2000 und 2007 feststellen lassen - und eben vor Jahresfrist Ende 2021 wieder. In der Konsequenz bleibe die A-/D-Linie derzeit ein Bremsklotz. Überall auf der Welt? Nein, denn in Europa beim STOXX Europe 600 (ISIN: EU0009658202, WKN: 965820) der Marktbreiteindikator die im Verlauf des Jahres 2022 vervollständigte Toppbildung negiert. Gleichzeitig bilde die Korrektur seit Ende vergangenen Jahres möglicherweise eine klassische Konsolidierungsflagge. Die objektive Analyse der Marktbreite zeige demnach für Europa ein besseres Bild als in den USA. Lange Zeit sei dies nicht mehr der Fall gewesen - möglicherweise ein Indiz in Sachen eines grundsätzlichen Stimmungsumschwungs zugunsten der alten Welt. Zu gegebener Zeit würden die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt diesen Ball nochmals aufgreifen. (09.12.2022/ac/a/m)




 
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