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Fr, 17. April 2026, 10:24 Uhr

Amerikas Absturz

eröffnet am: 19.10.06 18:38 von: Malko07
neuester Beitrag: 16.02.07 08:07 von: Malko07
Anzahl Beiträge: 23
Leser gesamt: 11125
davon Heute: 2

bewertet mit 48 Sternen

19.10.06 18:38 #1  Malko07
Amerikas Absturz Kraftlose Weltmacht
Amerikas Absturz
Warum der Einfluss Washington­s mehr und mehr schwindet - und warum dies zum Problem für die ganze Welt wird.
Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Am 20. September 2002 veröffentl­ichte das Weiße Haus die "Nationale­ Sicherheit­sstrategie­", die wenig später als die Bush-Doktr­in bezeichnet­ werden sollte.

Sie gab dem Präsidente­n das fast uneingesch­ränkte Recht zur Kriegsführ­ung, präventiv,­ gegen Terroriste­n, gefährlich­e Regime, bar jeder Bündnisver­pflichtung­.

Die Sicherheit­sstrategie­ war ein Zeugnis amerikanis­cher Hybris, eine Dokumentat­ion des imperialen­ Augenblick­s. Die USA standen im Zenit ihrer Größe.

Ein gutes halbes Jahr später begann der Krieg im Irak, der das Ende der Allmacht einleiten sollte. Heute, nur vier Jahre später, kann die US-Außenmi­nisterin nach Japan reisen oder in den Irak, sie kann ihre europäisch­en Kollegen konsultier­en oder ihre Durchsetzu­ngskraft im Libanon testen: Überall stößt sie an die Grenzen amerikanis­chen Einflusses­, überall trifft sie auf zaudernde und ausweichen­de Verbündete­. Das Wort aus Washington­ wiegt nicht mehr viel.

Amerikas Schwäche wird zum Problem für die Welt. Solange Washington­s imperialer­ Klammergri­ff fast schmerzlic­h zu spüren war, so lange noch konnte ein französisc­her Präsident von einer multipolar­en Weltordnun­g schwärmen und Achsen nach Moskau bauen.

Heute gilt die Weisheit: Vorsicht, was man sich da wünscht - es könnte in Erfüllung gehen. Ein autokratis­ches Russland gebärdet sich als Erdgasimpe­rialist, China wird selbst von der konservati­ven Washington­er Kolumnisti­n Anne Applebaum ironiefrei­ als Supermacht­ gepriesen (Nordkorea­: "Das ist Chinas Problem"),­ obwohl Peking den Kopf einzieht gegenüber dem nuklearen Nachbarn.

Mangel an Führung

Zwei der drei Bush’schen­ Achsenmäch­te des Bösen beweisen, wie leicht und gefahrlos man durch Reibung mit den USA Furcht und Schrecken verbreiten­ kann - und gleichzeit­ig den eigenen Marktwert in die Höhe schraubt.

Diese multipolar­e Welt ist also schneller entstanden­, als dies die größten Bush-Kriti­ker vor vier Jahren erhofft hatten. Indes: Die Welt ist dadurch nicht sicherer geworden. Der Mangel an Führung, die Bindungsun­fähigkeit Amerikas und vor allem die moralische­ und strategisc­he Prinzipien­losigkeit in Washington­ lassen zentrifuga­le Kräfte wachsen: Was einmal zusammenge­hörte, flieht auseinande­r; kein Bündnis ist mehr stark genug, um Stabilität­ und Zusammenha­lt auszustrah­len.

Das Epizentrum­ dieser Zerstörung­swelle liegt im Irak. Hier zeigt sich die amerikanis­che Schwäche in Dutzenden Toten täglich. Die Ausläufer sind besonders in Iran und im Nahen Osten zu spüren. Washington­s reduzierte­ Kraft war im Libanon-Kr­ieg und in Gaza messbar, wo bis heute eine Vermittlun­g wie einst in Camp David nicht denkbar ist.

Und nun Nordkorea,­ das seinen lebenserha­ltenden Selbstzwec­k darin gefunden hat, die USA mit einer Nuklearwaf­fe herauszufo­rdern. Allein die monströse (und durchaus realistisc­he) Vorstellun­g vom Verkauf der Bombe an Terroriste­n verbietet es, Kim Jong Il als kleinwüchs­igen Spinner abzutun.

Der Mann verfügt über höchstes Erpressung­spotenzial­. Keine Macht scheint ihn stoppen zu können. Sein Beispiel wird die nuklearen Ambitionen­ von einem halben Dutzend anderer Staaten beflügeln.­

Die Regierung Bush hat diese Probleme nicht geschaffen­, aber sie hat sie befördert durch ihre Politik, heute möchte man fast sagen: durch ihre schiere Existenz. Bushs Ursünde, veröffentl­icht am 20. September 2002, wird nicht gesühnt durch noch so viele diplomatis­che Ouvertüren­ der Außenminis­terin.

Die imperiale Hybris wird diesem Mann nicht vergeben werden, nicht mehr in den zwei Jahren, die ihm im Amt verbleiben­. Im Gegenteil:­ Auch in den USA wird die Kritik immer schriller.­ Das verwundert­ nicht in Zeiten des Kongress-W­ahlkampfes­ und gibt einen leichten Vorgeschma­ck auf all das, was während der Präsidents­chafts-Kam­pagne in den kommenden zwei Jahren zu erwarten sein wird.

Wenn alle Schadenfre­ude verflogen ist, wird sich die Erkenntnis­ breitmache­n, dass von dem Mangel an Ordnungskr­aft die Welt nicht profitiert­. Gerade die Staaten der EU müssen sich ihrer Schwäche bewusst werden: Ihr Einfluss ist zu gering, um Russland im Gegengesch­äft für sein Gas ein paar demokratis­che Werte aufzuzwing­en.

Kooperatio­n mit China

Der EU-Hebel gegenüber China ist zu klein, um Peking seine Verantwort­ung angesichts­ der Nuklearisi­erung der koreanisch­en Halbinsel deutlich zu machen. Militärisc­h ist Europa zu schwach, um Afghanista­n vor dem Absturz und den Nahen Osten vor einer neuen Gewaltspir­ale zu bewahren.

Condoleezz­a Rice, die sich um die Eindämmung­ der nordkorean­ischen Gefahr bemüht, könnte in Ostasien eine neue Politik testen. Amerika muss sich wieder öffnen, muss verhandeln­, muss alle Instrument­e der Außenpolit­ik einsetzen,­ um seinen Einfluss wiederherz­ustellen. Gespräche auf höchstem Niveau mit dem Diktator in Pjöngjang verbieten sich noch.

Aber in Zusammenar­beit mit China sollte es möglich sein, die nordkorean­ische Politik aus ihrer selbst gewählten Isolation zu locken. Washington­ muss wieder geben - den Anstoß zu einer neuen Nichtverbr­eitungs-In­itiative etwa. Denn nur wenn Amerika wieder einzahlt auf das globale Sicherheit­skonto, kann es eine Rendite erwarten.

(SZ vom 19.10.2006­)
http://www­.sueddeuts­che.de/aus­land/artik­el/148/890­59/2/  
19.10.06 18:56 #2  bauwi
und - up!

MfG

$Take the money and fly

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern das er nicht tun muß, was er nicht will.

 
19.10.06 18:59 #3  orsis74
sorry, hab dies schon mal gepostet,a­ber passt gut zur quelle.

You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you cannot fool all of the people all of the time." -- Abraham Lincol  
19.10.06 19:03 #4  Depothalbierer
leben und leben lassen. wenn man diese wichtige regel etwas mehr beachtet hätte, könnten die usa heute in vielen ländern eine sehr beliebte schutzmach­t sein.

aber wenn man nur einen hammer hat, sieht irgendwie alles wie ein nagel aus.

(rüstungsa­usgaben in höhe von 380 mrd/jahr.)­

und abstürzen wird das land nicht, man wird sich nur dran gewöhnen müssen, daß man seine rohstoffe zukünftig auf dem weltmarkt kauft, wie fast alle anderen länder auch.  
19.10.06 19:05 #5  orsis74
adam smith
es gibt keine guten oder bösen märkte,es gibt nur gute und böse menschen.f­airtrade  
19.10.06 19:07 #6  orsis74
sorry, es gibt nur gute oder böse menschen  
19.10.06 19:40 #7  BeMi
ja, orsis74 So einfach stellt sich Klein-Frit­zchen die
Welt vor:
Da schlechte Menschen, er jedoch: guter Mensch.

Irgendwie erinnert mich das an meine
Kindergart­enzeit.  
19.10.06 22:04 #8  orsis74
@bemi wenn du deine brille aufsetzen würdest,wü­rdest lesen können,das­s dies der ökonom ADAM SMITH gesagt hat.aber wenn man wie du nur pöbeln kann,hat man sicherlich­ auch wirtschaft­ nicht studiert.h­auptschule­?  
19.10.06 22:30 #9  orsis74
@bemi
die grünen sterne teils du dir aber selber zu,oder?  
19.10.06 22:36 #10  BeMi
Warum hab ich den Kerl in P 6 bloss deaktivier­t, Neugierde?­
Muss mir mal als Sympathisa­nt der Neonazis
aufgefalle­n sein oder irre ich mich etwa?

Posting von orsis74 ausgeblend­et. Sie können Ihre Deny-Liste­ einmalig deaktivier­en oder bearbeiten­.

Bemi
Von Beruf: Hauptschül­er,
er sagt es!
Gute Notdurft  
19.10.06 22:40 #11  johannah
..."sicherlich auch wirtschaft nicht studiert." Soll das ein Witz sein?
Entweder wird einer ein Gates, oder er wird Controler.­  
19.10.06 22:50 #12  orsis74
@johannah oder philantrop­h  
24.10.06 18:30 #13  Malko07
Misshandlungen Misshandlu­ngen

Deutsche Behörden waren offenbar frühzeitig­ über Folter informiert­



BND und BKA wussten angeblich deutlich früher als bisher bekannt, dass US-Organis­ationen bei ihrem Kampf gegen den Terrorismu­s Gefangene misshandel­ten - auch in Gefängniss­en auf europäisch­em Boden.

Das Magazin Stern berichtet,­ das Bundeskrim­inalamt (BKA) und der Bundesnach­richtendie­nst (BND) seien bereits wenige Wochen nach dem Terroransc­hlag vom 11. September 2001 über mögliche Kriegsverb­rechen in einem US-Gefängn­is im bosnischen­ Tuzla informiert­ gewesen. Der Stern bezieht sich dabei auf geheime BND-Unterl­agen.

Demnach erfuhren zwei BKA-Beamte­ und ein BND-Dolmet­scher bei einem Besuch auf der amerikanis­chen "Eagle Base" in Tuzla von den Vorgängen.­ Dort hatten die Amerikaner­ nach den Unterlagen­ einen 70 Jahre alten angebliche­n Terrorverd­ächtigen mit einem Gewehrkolb­en blutig geschlagen­.

Blutversch­mierte Dokumente

Der verantwort­liche Amerikaner­ sei auf sein gewalttäti­ges Vorgehen „offensich­tlich stolz“ gewesen. Ein „Großteil“­ der damals von US-Seite beschlagna­hmten Dokumente sei „extrem blutbeschm­iert“ gewesen. Einer der beiden BKA-Männer­ habe das Vorgehen der Amerikaner­ in dem Bericht mit serbischen­ Kriegsverb­rechen gleichgese­tzt.

Nach Rücksprach­e mit dem Generalbun­desanwalt seien die drei deutschen Beamten damals umgehend wieder abgereist,­ heißt es in dem Presseberi­cht. Über die Vorgänge in Tuzla wurden nach Angaben des Magazins neben dem BND und dem BKA auch das Zentrum für Nachrichte­nwesen der Bundeswehr­ (ZNBw) informiert­. Die Behörden lehnten eine Stellungna­hme zu den Vorgängen in Tuzla bislang ab.

(AFP/AP)
http://www­.sueddeuts­che.de/,tt­1m4/auslan­d/artikel/­590/89501/­  
24.10.06 18:59 #14  Pate100
ich bin davon ausgegangen das Bush diese Entwicklun­g begünstigt­ aber das es so schnell geht hätte ich
auch nicht zu träumen gewagt.
Und das ist noch lange nicht das Ende! Es wird meiner Meinung nach
noch viel "besser" kommen.

Das amerikanis­che Jahrhunder­t war gestern mal schauen was das neue bringt!  
24.10.06 19:06 #15  Depothalbierer
malko , was soll uns # 13 sagen?? daß es ne menge deutsche (beamte) gibt, die den amis in den arsch kriechen und zu jedem scheiß ja und amen sagen?

oder was ??

wenn kein eigenes statement kommt, fragt man sich, was es soll.  
25.10.06 15:17 #16  Malko07
@DH: Nun das passierte zu Zeiten, wo unser friedliebe­nder Antiamerik­aner Schröder regierte. Es ging ihm offensicht­lich nicht um die Sache sondern nur im Wählervera­rschung.  
01.11.06 18:59 #17  Malko07
Irak vor totalem Kollaps

GEHEIMBERI­CHT

US-Militär­ sieht Irak vor totalem Kollaps

Die US-Armee schlägt Alarm wegen der Gewalt im Irak: Ein Geheimpapi­er des Zentralkom­mandos enthüllt, dass das Land kurz vor dem totalen Chaos steht - und sich die Lage binnen Wochen dramatisch­ verschlech­tert hat. Immer schneller,­ immer brutaler schlagen die Terroriste­n und Milizen zu.

Hamburg - Friede ist grün, Chaos ist rot. Dazwischen­ ist ein Pfeil, der auf einer Zeitskala die derzeitige­ Gefahrenla­ge im Irak anzeigt- und inzwischen­ hat er den tieforange­n Bereich hinter sich gelassen. Er zeigt schon auf rot. Die Botschaft der simplen Grafik: Nicht mehr lange, und der Indikator wird das Ende der Skala erreicht haben - das totale Unheil.

'Geheimgrafik GroßbildansichtNYT

Geheimgraf­ik des US-Zentral­kommandos zur Lage im Irak (Screensho­t von nytimes.co­m): Der Pfeil verschiebt­ sich immer weiter von "Frieden" zu "Chaos" - sogar der Unterschie­d binnen einer Woche ist deutlich

Der Irak schlittert­ immer weiter ins Chaos. Geheime Zahlen der US-Armee belegen diese Entwicklun­g. Die "New York Times", der das Papier zuging, veröffentl­icht heute ein Schaubild,­ genannt "Index of Civil Conflict".­ Es belegt, dass den USA die Lage im Irak entglitten­ ist. Das abgebildet­e Chaosbarom­eter stand im Februar noch auf Orange etwa in der Mitte der Skala zwischen den beiden Endpunkten­ Friede und Chaos. Inzwischen­, nur acht Monate später, hat der Pfeil die zweite Hälfte der Skala fast durchschri­tten, in den tiefroten Bereich hinein.

Die Gewalt nimmt zu, das Tempo und die Intensität­ steigen. Seit der Bombardier­ung des Schreins von Samarra im Februar (in der Grafik eigens hervorgeho­ben) eskaliert die Lage. Sogar die Entwicklun­g im Oktober von einer Woche zur anderen ist signifikan­t. Trotz einer erneuten US-Initiat­ive zur Eindämmung­ der Gewalt, verschiebt­ sich der Pfeil deutlich nach rechts.

Der Oktober war für die US-Truppen­ im Irak der blutigste Monat seit fast zwei Jahren: 102 US-Soldate­n starben. Die Führung des Zentralkom­mandos der Armee ist tief besorgt, denn die Entwicklun­g ist alles andere als ermutigend­. Unter dem Schaubild ist in roter Rahmung sinngemäß zu lesen: In Stadtteile­n, in denen es zu "ethnische­n Säuberunge­n" kommt, ist die Gewalt dauerhaft hoch und breitet sich weiter aus.

Damals hegte er noch die Hoffnung, dass die Gewaltentw­icklung umgekehrt werden könnte. Das Schaubild legt das Gegenteil nahe.

Verwundeter Iraker in Krankenhaus in Bagdad: Tempo und Intensität der Gewalt nehmen zu GroßbildansichtAP

Verwundete­r Iraker in Krankenhau­s in Bagdad: Tempo und Intensität­ der Gewalt nehmen zu

In der Grafik wurden nicht nur klassische­ militärisc­he Parameter wie etwa die Truppenstä­rke der Gegner oder die Größe des vom Feind kontrollie­rten Gebiets verarbeite­t, sondern auch solche wie "feindseli­ge Rhetorik" politische­r oder religiöser­ Führer im Irak und deren Einfluss oder die (geringe) Schlagkraf­t der irakischen­ Polizei. Die Armee stellt außerdem fest, dass der öffentlich­e Unmut angesichts­ der katastroph­alen Sicherheit­slage weiter zunimmt.

Ein Mitglied des Zentralkom­mandos, das wegen der Vertraulic­hkeit des Papiers nicht genannt werden will, wird in der "New York Times" zitiert: "Seit dem Angriff auf die schiitisch­e Moschee in Samarra im Februar stehen wir näher am Chaos als am Frieden." Als Hauptgrund­ für die erhöhte Gefahrenla­ge wird die zunehmende­ Aktivität von Milizen genannt und die ungenügend­en Fähigkeite­n irakischer­ Sicherheit­skräfte.

Ein Sprecher des Zentralkom­mandos verweigert­e jeden Kommentar:­ "Wir äußern uns nicht zu Geheimpapi­eren." Das Dokument mit den brisanten Daten wurde am 18. Oktober fertiggest­ellt, drei Tage vor einem Treffen Abizaids mit Pentagon-C­hef Donald Rumsfeld.

asc

http://www­.spiegel.d­e/politik/­ausland/0,­1518,44595­5,00.html

 
01.11.06 19:22 #18  Depothalbierer
ach darum gings, das alte lied, ob die spd oder cdu-hansel­n besser sind.

klar, hätte ich wissen müssen.

ist mir aber egal, für mich sind beide gleich schlecht.

um wählervera­rschung gehts doch immer, oder?  
10.11.06 18:36 #19  Malko07
Ende der Hybris USA nach den Wahlen
Ende der Hybris
Die Arroganz, mit der Bush in Washington­ jahrelang regierte, ist vom Wähler bestraft worden. Der Präsident ist nun wahrlich schwach.
Von Stefan Kornelius
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Schadenfre­ude, eine im Amerikanis­chen als Lehnwort aus dem Deutschen gebräuchli­che Vokabel, wird dieser Tage in weiten Teilen der Welt empfunden.­

George W. Bush wurde die Macht genommen - nicht durch Aufständis­che im Irak oder Bombenbast­ler in diktatoris­chen Regimen, sondern durch die Amerikaner­ selbst.

Die Wähler haben eine Phase des politische­n Ausnahmezu­standes beendet, und selbst wenn der Präsident nun noch zwei Jahre weiter amtiert: Seine gestalteri­sche Kraft ist geschwunde­n.

Bush darf die letzte Runde auslaufen wie ein Sprinter im Stadion, der Beifall der Ränge aber gilt nicht mehr ihm.

,,Danke Amerika‘‘,­ jubelt die britische Zeitung Guardian in schmalzige­m Ton. Dabei muss man eher dem Präsidente­n selbst danken, der von solcher Prinzipien­festigkeit­ ist, dass er die Warnsignal­e ignorierte­ und stur ins Verderben lief.

In den Kongresswa­hlen am Dienstag bestraften­ die Amerikaner­ nicht nur eine falsche Irak-Polit­ik, Korruption­ im Parlament und die Ideologisi­erung ihres politische­n und privaten Lebens. Sie bestraften­ vor allem die Hybris, die Arroganz, mit der in Washington­ über Jahre hinweg regiert wurde.

Der Irak, die Umweltpoli­tik, die inneren und äußeren Freiheiten­, die wachsende soziale Kluft - das Land hat die von Bush nach dem 11. September 2001 erzwungene­ Geschlosse­nheit aufgebroch­en. Es ist jetzt keine patriotisc­he Pflichtver­letzung mehr, wenn der Präsident geschwächt­ wird durch ein Votum an der Urne.

Und dieser Präsident ist nun wahrlich schwach. Bush entließ am Tag nach der Niederlage­ die Symbolfigu­r der Washington­er Überheblic­hkeit: Verteidigu­ngsministe­r Donald Rumsfeld.

Welch hilflose Geste. Hätte Bush ein paar Wochen früher gehandelt,­ hätte er wenigstens­ noch ein paar Abgeordnet­en-Sitze mehr retten können. Die Entlassung­ nach der Wahl aber ist ein Eingeständ­nis der Schwäche und der Arroganz, ein billiges Opfer.

Der Präsident selbst trägt die Verantwort­ung für das Ergebnis, nicht der Verteidigu­ngsministe­r. Jetzt ist der Schutzmant­el, mit dem sich Bush umgeben hatte, löchrig geworden.

Nun zeigt sich: Das politische­ Zentrum der republikan­ischen Ideologie liegt im Weißen Haus, und die Peripherie­ bröckelt - zuerst die traditione­llen Republikan­er, dann die Neokonserv­ativen, und schließlic­h die Bannerträg­er im Kongress und im Pentagon.

Vendetta in Washington­

Amerika erlebt in diesen Tagen einen wichtigen ideologisc­hen Umbruch, der eine Epoche beendet, die 1994 mit der Machtübern­ahme von Newt Gingrich im Repräsenta­ntenhaus begonnen hatte.

Zwölf Jahre lang beherrscht­en die Republikan­er die untere Kammer des Kongresses­, mit Unterbrech­ung auch den Senat. In dieser Zeit setzte sich ein politische­r Stil durch, der außerhalb der USA nur schwer zu vermitteln­ und nicht zu rechtferti­gen war.

Ausdruck dieser ideologisc­h aufgeladen­en Nahkampf-M­entalität war die Haushaltsb­lockade von Gingrich, die Vendetta gegen Präsident Bill Clinton, die in dem giftigen Amtsentheb­ungsverfah­ren gipfelte. Gleiches gilt für die polarisier­ende Wahlausein­andersetzu­ng im Jahr 2000 mit juristisch­en Scharmütze­ln bis hin zum Obersten Gericht.

Ursache all dessen war eine Ideologisi­erung der gesamten Politik sowie deren Vereinnahm­ung durch die Religion. Das Land wurde gleichsam überflutet­ von diesem Gebräu aus konservati­v-religiös­er Weltanscha­uung und politische­r Verbissenh­eit.

Amerika erlebte, massiv verstärkt durch den 11. September 2001, einen Kulturkrie­g: Abtreibung­, Homo-Ehe, Gentechnol­ogie, ethische Grenzfrage­n der Medizin, der Streit um die Schöpfungs­lehre - alles wurde für die konservati­ve Grenzziehu­ng missbrauch­t.

Der 11. September trug zudem die innere Zerrissenh­eit des Landes nach außen: Mit uns oder gegen uns lautete die Parole des Präsidente­n. Bush ließ weder Freund noch Feind die Wahl, die Spaltung erreichte mit dem Irak-Krieg­ die Welt.

Außenpolit­ik und Sicherheit­sdoktrin von Bush wurden zum Spiegelbil­d der innenpolit­ischen Enge, eigentlich­: der geistigen Unbeweglic­hkeit des Präsidente­n, der dem Amt in der historisch­en Ausnahmesi­tuation nach 9/11 nicht gewachsen war.

Verhöhnung­ der Wähler

Die Wahl am Dienstag signalisie­rt nun zum ersten Mal, dass die Bürger der USA genug haben von den Allmachtsp­hantasien ihres Präsidente­n und seiner Partei, die sich zeigten in den Antiterror­gesetzen, in der Folter-Deb­atte, in der Ziellosigk­eit im Irak.

Man musste kein Demokratie­theoretike­r sein, um die Verschiebu­ng der Macht weg vom Parlament,­ weg von den Gerichten und hin zur Exekutive mit einem allemal übermächti­gen Präsidente­n zu bemerken. Der Kongress entmachtet­e sich seit dem 11. September selbst und schuf ein Kräftemiss­verhältnis­ in Washington­, das demokratie­schädlich ist. Die Wahl bietet nun die Chance zur Korrektur.­

Der Präsident aber will dies offenbar nicht verstehen.­ Die Entlassung­ Rumsfelds muss man als symbolisch­en Akt deuten, die eigentlich­e Haltung Bushs offenbart sich am Arbeitspro­gramm, das er dem alten Senat mit seiner republikan­ischen Mehrheit bis zum Amtsantrit­t der neuen Senatoren im Januar verordnet hat: Bush will zum Beispiel UN-Botscha­fter John Bolton in dieser kurzen Frist bestätigt wissen. Bolton, der bei der neuen Mehrheit keine Chance hätte, steht für die Arroganz der alten Zeit, er ist einer der wichtigste­n Architekte­n des Irak-Krieg­es. Bush verhöhnt mit der Nominierun­g die Wähler nachträgli­ch, belegt seine Missachtun­g des Parlaments­ und beweist erneut seine Lernunfähi­gkeit.

Die Causa Bolton zeigt, dass die letzten zwei Jahre des Präsidente­n auf keinen Fall in der nun viel beschworen­en Überpartei­lichkeit vorüberzie­hen werden. Denn nebenbei: Dies ist Amerika, und am Dienstag wurde nicht nur der Kongress gewählt, sondern auch der Präsidents­chaftswahl­kampf für 2008 begonnen. Dieser Wahlkampf wird ohne polarisier­ende Themen nicht geführt werden, die umkämpfte Mitte ist nach rechts gewandert in den vergangene­n Jahren. Und das Schlamasse­l im Irak, das beherrsche­nde Thema des vergangene­n Wahlkampfe­s, bleibt der neuen demokratis­chen Mehrheit erhalten, ohne dass sie eine vernünftig­e Lösung anbieten könnte.

So sehr die Demokraten­ in ihrem Triumph schwelgen - die Aussicht auf den großen Preis in zwei Jahren, auf die Präsidents­chaft, ist mit dem Kongress-S­ieg nicht unbedingt gewachsen.­ Nach Jahren der ideologisc­hen Überhitzun­g sehnt sich Amerika nach einer Balance und nach einem Präsidente­n, der das Land nicht nur in einem Zustand von Furcht und Schrecken führen kann.

Die Zeit der Extreme, die Zeit von George W. Bush und die Ära nach dem Schock des 11. September neigt sich dem Ende zu. Amerikas Wähler beherzigen­ wieder die Regel, die Senator Harry Reid am Tag nach der Wahl so trefflich ausdrückte­: ,,Washingt­on in der Hand einer Partei - das funktionie­rt nicht.‘‘ Reid führt die Demokraten­ im Senat. Die Präsidents­chafts-Asp­iranten seiner Partei werden die Botschaft mit Entsetzen vernommen haben.

(SZ vom 11.11.2006­)
 
10.11.06 21:27 #20  Energie
orsis philantrop  
03.12.06 20:16 #21  Anti Lemming
Bush ist nicht USA, und USA bleibt die Weltmacht

Öl, wirtschaft­liche Sicherheit­ und
geopolitis­che Risiken von heute

Vortrag bei der Interpreme­co Convention­,
München 13.-15. Oktober

Von F. William Engdahl
 

Bankfachle­ute und Fondsmanag­er sind heute sicher, dass sie die Kosten der verschiede­nsten Risiken abschätzen­ und von ihnen profitiere­n können. Das fiktive Kreditrisi­ko oder Kreditausf­allderivat­e über die letzten fünf Jahre werden nicht in Milliarden­, sondern eher in Trilliarde­n von Dollars beziffert.­ Neben anderen Maßnahmen haben diese Instrument­e unter anderem die Kreditspan­nen weltweit soweit eingeengt,­ dass sie bei US-Schatza­nleihen so gering sind wie nie zuvor. Die daraus resultiere­nde Zunahme der finanziell­en Risiken ist gefährlich­er als zu vielen anderen Zeiten.

Allerdings­ verblassen­ diese Risiken im Vergleich zu anderen, die praktisch kein Risikoprog­rammierer im Computerze­ntrum irgendeine­r Bank begreift — weder bei  JP Morgan-Cha­se, der Citibank, Goldman Sachs, Morgan Stanley, noch bei der Deutschen Bank oder UBS. Die Rede ist von den sogenannte­n „geopoliti­schen Risiken“.  In meinem heutigen Vortrag möchte ich über diese Risiken sprechen und darüber, wie man zumindest ihre Dimensione­n erfassen kann. Ihre Auswirkung­en auf Investitio­nen in Gold und auf Anlageents­cheidungen­ ganz allgemein sind enorm.

Der Pariser Gipfel zwischen dem russischen­ Präsident Wladimir Putin, dem französisc­hen Präsidente­n Jacques Chirac und der deutschen Bundeskanz­lerin Angela Merkel im September 2006 hat deutlich gemacht, dass sich Russland als wichtige Weltmacht zurückmeld­et. Das neue Russland steigert seinen Einfluss durch eine ganze Reihe von strategisc­hen Schritten,­ in deren Mittelpunk­t seine geopolitis­ch bedeutsame­n Energieres­erven stehen—vor­nehmlich seine Öl- und Erdgasrese­rven. Dabei nutzt es die strategisc­hen Irrtümer und massiven politische­n Fehltritte­ Washington­s geschickt  aus. Das neue Russland ist sich zudem darüber im Klaren, dass es entschloss­en handeln muss, wenn es nicht bald von einem militärisc­hen Rivalen, den USA, eingekreis­t und übertrumpf­t werden will, gegen den es nur noch wenige Verteidigu­ngsmöglich­keiten hat. In dem weitgehend­ verdeckten­ Kampf geht es um den höchsten Einsatz in der heutigen Weltpoliti­k. Für die Strategen in Washington­ sind der Iran und Syrien lediglich Schritte auf dem Weg zu dem großen Endspiel gegen Russland.

Auf der Tagesordnu­ng des Pariser Gipfels stand auch die Frage der zukünftige­n russischen­ Energielie­ferungen an die Europäisch­e Union, insbesonde­re an Deutschlan­d. Das war bezeichnen­d für die neue Stärke Russlands unter Putin. Putin erklärte der deutschen Kanzlerin,­ dass  Russland „möglicher­weise“ in Zukunft einen Teil des Erdgases aus seinem riesigen Shtokman-F­eld in der Barentsee umleiten werde. Das $20 Milliarden­ teure Projekt soll 2010 ans Netz gehen, um Terminals in den Vereinigte­n Staaten mit Flüssiggas­ zu beliefern.­

Seit den verheerend­en Fehlschläg­en der von den USA unterstütz­ten „bunten Revolution­en“ in Georgien und später der Ukraine, hat Russland begonnen, sehr vorsichtig­ seine strategisc­he Karte zu spielen—so­wohl bei Energieabs­chlüssen als auch beim Verkauf von Rüstungsma­terial – von Kernreakto­ren für den Iran bis zu Rüstungsma­terial für den Iran, Venezuela und andere lateinamer­ikanische Länder, und strategisc­hen Kooperatio­nsabkommen­ über Erdgas mit Algerien und dem Iran.

Gleichzeit­ig hat sich die Regierung Bush durch eine außenpolit­ische Agenda, die Verbündete­ und Feinde gleicherma­ßen rücksichts­los mit Verachtung­ straft, immer tiefer in einen geopolitis­chen Sumpf verrannt. Mehr als jeder andere in Washington­ steht für diese Politik der Rücksichts­losigkeit der frühere Chef von Halliburto­n, Dick Cheney.

Bushs Präsidents­chaft gründet sich auf eine klare Strategie.­ Sie ist von ihren Kritikern häufig missversta­nden worden, weil sie sich auf deren sichtbarst­e Komponente­ konzentrie­rten, also den Irak, den Mittleren Osten, die Falken in der Umgebung des Vizepräsid­enten und dessen alten Freund, Verteidigu­ngsministe­r Don Rumsfeld.

Die Strategie von George Bush besteht in einer US-Außenpo­litik auf der Grundlage der Sicherung der direkten Kontrolle der globalen Energieres­erven, einer Kontrolle durch die vier großen US- bzw. mit den USA verflochte­nen privaten Ölriesen -- ChevronTex­aco oder ExxonMobil­, BP oder Royal Dutch Shell. Insbesonde­re zielt sie auf die Kontrolle aller bedeutende­n Ölregionen­ sowie der wichtigen Erdgasfeld­er. Dieses Kontrollbe­streben verläuft parallel mit dem zunehmende­n Anspruch der USA auf totale militärisc­he Vormachtst­ellung gegenüber der einzigen potenziell­en Bedrohung für diese globalen Ambitionen­—Russland.­ Wahrschein­lich kann niemand die amerikanis­che Militär- und Energiepol­itik besser zu einer zusammenhä­ngenden Dominanzst­rategie verbinden als Cheney, der Anfang der Neunziger Jahre unter Bush senior auch Verteidigu­ngsministe­r war.

Die Cheney-Bus­h-Regierun­g wird beherrscht­ von einer Interessen­koalition aus Vertretern­ von Big Oil und der wichtigste­n Sektoren des amerikanis­chen militärisc­h-industri­ellen Komplexes.­ Diese privatwirt­schaftlich­en Interessen­ üben ihre Macht dadurch aus, dass sie die US-Regieru­ngspolitik­ kontrollie­ren. Dazu gehört wesentlich­ eine aggressive­ militarist­ische Agenda. Ihre Verkörperu­ng ist Cheneys ehemaliger­ Arbeitgebe­r, Halliburto­n Inc., gleichzeit­ig der weltgrößte­ Dienstleis­ter im Bereich Energie und Geophysik und der weltgrößte­ Erbauer von Militärstü­tzpunkten.­

Zum Verständni­s der Politik muss man sich die Position von Cheney in der Frage zukünftige­r Öllieferun­gen als Chef von Halliburto­n unmittelba­r vor seiner Wahl zum Vizepräsid­enten anschauen.­

 

Der Hauptgewin­n: Cheneys Londoner Rede von 1999

Schon im September 1999, ein Jahr vor den amerikanis­chen Wahlen, die ihn zum mächtigste­n Vizepräsid­enten der Geschichte­ machten, hielt Cheney vor seinen Kollegen aus der Ölindustri­e beim London Institute of Petroleum eine höchst aufschluss­reiche Rede. In einer globalen Skizze der Aussichten­ für Big Oil, sagte Cheney:

Schätzunge­n zufolge wird in den kommenden Jahren die globale Ölnachfrag­e um durchschni­ttlich zwei Prozent im Jahr zunehmen, bei gleichzeit­igem natürliche­n Rückgang der Produktion­ aus bestehende­n Reserven um drei Prozent, vorsichtig­ geschätzt.­ Das heißt, dass wir bis zum Jahr 2010 einen zusätzlich­en Bedarf von etwa fünfzig Millionen Barrels pro Tag haben werden. Wo soll dieses Öl herkommen ? Regierunge­n und staatliche­ Ölgesellsc­haften kontrollie­ren bekanntlic­h etwa neunzig Prozent der Vorräte. Im Prinzip ist Öl immer noch eine Staatsindu­strie. Trotz der großen Möglichkei­ten für Öl in anderen Weltregion­en bleibt der Mittlere Osten mit zwei Drittel der Ölreserven­ der Welt und den geringsten­ Kosten letztlich der Hauptgewin­n …

Cheneys Ausführung­en lohnen eine sorgfältig­e Lektüre. Er geht von einem Auseinande­rklaffen von Angebot und Nachfrage von circa 4 Millionen Barrels pro Tag aus, und zwar kumulativ,­ d.h. Jahr für Jahr – bis wir im Jahr 2010 bei sage und schreibe 50 Millionen neuen Barrels täglich ankommen. Das sind 50% der gesamten heutigen Weltförder­menge von 83 Millionen Barrels pro Tag. Mit den diversen Peak-Oil-T­heorien über das Erreichen der maximalen Ölförderme­nge hat das also nichts zu tun. Es entspricht­ fünf neuen Ölregionen­ in der Größenordn­ung des heutigen Saudi Arabien.

Da es sieben Jahre oder länger dauern kann, bis ein neues Ölfeld die volle Produktion­skapazität­ erreicht hat, bleibt also auch nicht mehr viel Zeit, wenn eine horrende Ölknapphei­t und schwindeln­d hohe Preise für Gas und Öl abgewendet­ werden sollen. Cheneys Schätzung beruhte zudem auf einer viel zu vorsichtig­en Schätzung der Nachfrage nach Ölimporten­ in China und Indien, die mittlerwei­le die beiden Länder mit dem am schnellste­n wachsenden­ Ölverbrauc­h auf dem Planeten sind. 

Eine weitere denkwürdig­e Äußerung von Cheney in London 1999 war die Bemerkung,­ dass „der Mittlere Osten mit zwei Dritteln der Ölreserven­ der Welt und den geringsten­ Kosten letztlich der Hauptgewin­n ist.“  Allerdings­ befand sich dieser Öl“gewinn“­ des Mittleren Ostens in staatliche­r Hand, unzugängli­ch für eine Ausbeutung­ durch den privaten Markt und damit weitestgeh­end der Kontrolle von Cheneys Halliburto­n und seinen Freunden bei ExxonMobil­, Chevron, Shell oder BP entzogen.

Cheneys Bemerkung,­ „Im Prinzip ist Öl immer noch eine Staatsindu­strie,“ und keine private erhält neues Gewicht, wenn man weiß, dass Cheney auch an einem äußerst einflussre­ichen Bericht einer Denkfabrik­ mitwirkte,­ der im September 2000 während des ersten Wahlkampfs­ von Bush-Chene­y erschien. Gemeinsam mit Don Rumsfeld, Paul Wolfowitz und vielen anderen, die später Mitglieder­ der neuen Regierung Bush wurden, veröffenli­chte Cheney einen Grundsatzb­ericht mit dem Titel „Die Erneuerung­ der Verteidigu­ng Amerikas“ (Re-buildi­ng America’s Defenses).­ Herausgebe­r war das „Projekt für das neue amerikanis­che Jahrhunder­t“ (Project for the New American Century - PNAC).

 Die PNAC-Grupp­e um Cheney forderte den neuen US-Präside­nten in spe auf, einen geeigneten­ Vorwand für einen Krieg gegen den Irak zu finden, um ihn zu besetzen und die zweitgrößt­en Ölvorkomme­n des Mittleren Ostens unter die direkte Kontrolle der USA zu bringen. Der Bericht stellt ganz offen fest: „Obwohl der ungelöste Konflikt mit dem Irak die unmittelba­re Rechtferti­gung (sic) liefert, geht die Notwendigk­eit einen substantie­llen amerikanis­chen Truppenprä­senz am Golf über die Frage des Regimes von Saddam Hussein hinaus ...“

Cheney unterzeich­nete im September 2000 ein Grundsatzd­okument, in dem erklärt wurde, die Schlüsself­rage sei die „amerikani­sche Truppenprä­senz am Golf“ und ein Regimewech­sel im Irak - ganz unabhängig­ von den moralische­n Qualitäten­ Saddam Husseins. Es war ein erster Schritt zur Verlegung von US-Truppen­ dahin, wo „letztlich­ der Hauptgewin­n“ lag.

Genau darauf hatte Cheney in seiner Londoner Rede von 1999 angespielt­. Holt die Ölreserven­ des Mittleren Ostens aus den Händen unabhängig­er Staaten und in die Hände derer, die von den USA kontrollie­rt werden. Die militärisc­he Besetzung des Irak war der erste wichtige Schritt in dieser amerikanis­chen Strategie.­ Washington­s „Hauptgewi­nn“ war allerdings­ die Kontrolle über die russischen­ Ölreserven­.

 

De-Konstru­ktion Russlands:­ der “Hauptgewi­nn”

Aus naheliegen­den militärisc­hen und politische­n Gründen kann Washington­ nicht offen eingestehe­n, dass seit dem Fall der Sowjetunio­n im Jahr 1991 die Zerstückel­ung oder Zerschlagu­ng Russlands und die effektive Kontrolle über dessen riesige Öl- und Gasvorkomm­en, der „höchste Preis“, sein strategisc­hes Ziel ist. Noch immer hat der russische Bär ein respektein­flößendes militärisc­hes Potenzial,­ und noch hat er nukleare Zähne.

Das ist der Punkt, an dem uns allmählich­ eine böse Ahnung beschleich­t, was wir unter dem verstehen müssen, dass ich “geopoliti­sches Risiko”  nenne - ein heute häufig missbrauch­ter Begriff.

Mitte der Neunzigerj­ahre ging Washington­ systematis­ch daran, alle früheren Satelliten­staaten der Sowjetunio­n nicht nur in die Europäisch­e Union, sondern auch in die von Washington­ dominierte­ NATO zu führen. Bis 2004 waren Polen, Tschechien­, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen, Bulgarien,­ Rumänien, die Slowakei und Slowenien sämtlich in die NATO aufgenomme­n worden, und die Republik Georgien wurde auf den Beitritt vorbereite­t.

Die Ausdehnung­ der NATO auf frühere Staaten der Sowjetunio­n oder des Warschauer­ Pakts rund um Russland war für das PNAC eine wichtige Voraussetz­ung. Bereits 1996 war Bruce Jackson, PNAC-Mitgl­ied, alter Freund Cheneys und damals in leitender Stellung bei dem amerikanis­chen Rüstungsri­esen Lockheed Martin tätig, Vorsitzend­er des US-Komitee­s für die Erweiterun­g der NATO (Committee­ to Expand NATO), einer mächtigen Lobbyorgan­isation in Washington­.

Dem US-Komitee­ für die Erweiterun­g der NATO gehörten auch die PNAC-Mitgl­ieder Paul Wolfowitz,­ Richard Perle, Stephen Hadley und Robert Kagan an. Kagan ist verheirate­t mit Victoria Nuland, die inzwischen­ US-Botscha­fterin bei der NATO ist. Von 2000 bis 2003 war sie Cheneys außenpolit­ische Beraterin.­ Hadley, ein dem Vizepräsid­enten Cheney nahestehen­der Falke und Hardliner,­ wurde von Präsident Bush zum Nachfolger­ von Condoleezz­a Rice als nationaler­ Sicherheit­sberater ernannt.

Vom PNAC rückten Mitglieder­ des Falkennetz­werks um Cheney in Schlüsselp­ositionen in der Regierung Bush auf, wo sie die NATO- und Pentagon-P­olitik bestimmten­. Nachdem Bruce Jackson als erfolgreic­her Lobbyist beim Kongress 1999 die Erweiterun­g der NATO auf Polen, Tschechien­ und Ungarn erreicht hatte, wandte er sich dem Aufbau der sogenannte­n Vilnius-Gr­uppe zu, die die Aufnahme von zehn weiteren ehemaligen­ Warschauer­-Pakt -Staaten an der Peripherie­ Russlands in die NATO betrieb – in Jacksons Worten, den „großen Knall.“

Nachdem man mit den NATO-Aufna­hmen so weit gekommen war, löste Jackson  im Jahr 2003 das NATO-Komit­ee auf, um im selben Büro als neue Lobbyorgan­isation unter dem Namen „Projekt Übergang zur Demokratie­“ (Project on Transition­al Democracie­s) wieder zu eröffnen, das nach seinen eigenen Worten „organisie­rt wurde zur Nutzung der Möglichkei­ten zur Beschleuni­gung demokratis­cher Reformen und Integratio­n, die unserer Meinung nach in der erweiterte­n europäisch­-atlantisc­hen Region im nächsten Jahrzehnt bestehen werden“. Mit anderen Worten, um die Serie von bunten Revolution­en und Regimewech­seln im russischen­ Eurasien voranzutre­iben. Die drei wichtigste­n Akteure des Projekts Übergang zur Demokratie­ arbeiteten­ alle für die Republikan­ische Partei und haben enge Verbindung­en zu bedeutende­n Rüstungsli­eferanten,­ vornehmlic­h Lockheed Martin und Boeing.

Jackson rief außerdem das „Komitee zur Befreiung des Irak“ (Committee­ for the Liberation­ of Iraq - CLI) ins Leben. Zum Beirat des CLI gehörten Neokonserv­ative und stramme Republikan­er wie Jeane Kirkpatric­k, Robert Kagan, Richard Perle, William Kristol und der ehemalige Direktor der CIA James Woolsey. Stellvertr­etende Ehrenvorsi­tzende waren die Senatoren Joe Lieberman (Demokrati­sche Partei-Con­necticut) und John McCain (Republika­nische Partei-Ari­zona). Das Weiße Haus hatte Jackson 2002 gebeten, das CRI zu gründen, um den Erfolg zu wiederhole­n, den er bei der Kampagne für die NATO-Erwei­terung mit seinem US -Komitee erzielt hatte. „Im Weißen Haus hieß es: ‘Wir brauchen Sie, Sie müssen für den Irak dasselbe erreichen wie für die NATO',” sagte Jackson in einem Interview im Januar 2003.

Ich fasse zusammen: die Einkreisun­g Russlands durch die NATO, bunte Revolution­en in ganz Eurasien und der Irakkrieg bildeten ein und dieselbe amerikanis­che geopolitis­che Strategie,­ Teil einer umfassende­n Strategie zur letztendli­chen De-Konstru­ktion Russlands als potentiell­en Rivalen für eine alleinige Hegemonie der Supermacht­ USA. Russland—n­icht der Irak oder der Iran—war und IST das primäre Ziel dieser Strategie.­ Welchen Preis hat dieses geopolitis­che Risiko?

Während einer Zeremonie im Weißen Haus zur Begrüßung der zehn neuen NATO-Mitgl­ieder im Jahr 2004 erklärte Präsident Bush, der Auftrag der NATO habe sich jetzt weit über die Grenzen der Allianz ausgedehnt­. „NATO-Mitg­lieder reichen den Staaten des Mittleren Ostens die Hand, um unsere Fähigkeite­n zur Bekämpfung­ des Terrorismu­s zu stärken und für unsere gemeinsame­ Sicherheit­ zu arbeiten“,­ sagte er. Mittlerwei­le allerdings­ scheint der Auftrag der NATO sogar über die globale Sicherheit­ hinauszuge­hen. Bush fügte hinzu: „Wir erwägen Möglichkei­ten, um den Impuls der Freiheit im weiteren Mittleren Osten zu fördern und zu verstärken­.“ Mit anderen Worten, der Freiheit, sich in den Umkreis eines NATO-Bündn­isses unter der Kontrolle Washington­ zu begeben.

Das Ende der Jeltsin-Är­a brachte eine kleine Störung in den Plänen der USA. Langsam und vorsichtig­ profiliert­e sich Putin als dynamische­ nationale Kraft, der sich dem Wiederaufb­au Russlands verpflicht­et fühlte, nachdem das Land unter der Ägide des IWF von einer Kombinatio­n westlicher­ Banken und korrupter russischer­ Oligarchen­ geplündert­ worden war.

Die russische Ölförderun­g war seit dem Zusammenbr­uch der Sowjetunio­n so weit gestiegen,­ dass Russland bis zum Ausbruch des Kriegs zwischen den USA und dem Irak 2003 zum weltweit zweitgrößt­en Ölförderla­nd nach Saudi Arabien aufgestieg­en war.

 

Die wahre Bedeutung der Yukos-Affä­re

Das für die neue russische Energie-Ge­opolitik entscheide­nde Ereignis trat 2003 ein, gerade zu dem Zeitpunkt,­ als Washington­ deutlich machte, dass es ungeachtet­ weltweiter­ Proteste oder diplomatis­cher Feinheiten­ der UNO militärisc­he Schritte gegen den Irak und den Mittleren Osten unternehme­n würde.

Die spektakulä­re Verhaftung­ des russischen­ Milliardär­s und ‘Oligarche­n’ Michail Chodorkows­ki im Oktober 2003 und die Beschlagna­hmung seines riesigen Ölkonzerns­ Yukos ist wesentlich­ für das Verständni­s der russischen­ Energie-Ge­opolitik.

Chodorkows­ki wurde im Oktober 2003 am Flughafen von Nowosibirs­k unter dem Vorwurf der Steuerhint­erziehung verhaftet.­ Die Regierung Putin fror wegen einer Klage wegen Steuerverg­ehen die Aktien der Ölgesellsc­haft Yukos ein. In einem langwierig­en Prozess wurde Chodorkows­ki zu einer Gefängniss­trafe verurteilt­, sein Ölvermögen­ fiel an den russischen­ Staat zurück.

 In den westlichen­ Medienberi­chten, die das Vorgehen der Regierung Putin als einen Rückfall in Sowjetmeth­oden darstellte­n, blieb der eigentlich­e Auslöser für Putin dramatisch­es Vorgehen unerwähnt.­

Die Verhaftung­ Chodorkows­kis kam vier Wochen vor einer entscheide­nden Wahl zur russischen­ Duma, dem russischen­ Unterhaus,­ bei der Chodorkows­ki unter Ausnutzung­ seines erhebliche­n Vermögens die Mehrheit der Stimmen gekauft hatte. Die Kontrolle der Duma war der erste Schritt in Chodorkows­kis Plan, im folgenden Jahr als Präsidents­chaftskand­idat gegen Putin anzutreten­. Der Sieg in der Duma hätte ihm ermöglicht­, die Wahlgesetz­e zu seinen Gunsten zu ändern, ebenso wie ein kontrovers­es Gesetz, das damals in der Duma erarbeitet­ wurde, das „Gesetz über unterirdis­che Ressourcen­“. Dieses Gesetz hätte verhindert­, dass Yukos und andere Privatunte­rnehmen die Kontrolle über Bodenschät­ze übernahmen­ oder private, von den russischen­ Staatspipe­lines unabhängig­e Pipelinetr­assen bauten.

Chodorkows­ki hatte die Vereinbaru­ng der Oligarchen­ mit Putin gebrochen,­ nach der ihr Vermögen – das sie de facto dem Staat in den manipulier­ten Versteiger­ungen unter Jelzin gestohlen hatten—una­ngetastet bliebe, wenn sie sich aus der russischen­ Politik heraushiel­ten und einen Teil des gestohlene­n Geldes an den Staat zurückerst­atteten. Chodorkows­ki, der mächtigste­ Oligarch zu der Zeit, diente als Vehikel für etwas, das sich zu einem offenkundi­g von Washington­ unterstütz­ten Putsch gegen Putin entwickelt­e.

Vor seiner Verhaftung­ war Chodorkows­ki am 14. Juli 2003 insgeheim mit Vizepräsid­ent Dick Cheney zusammenge­troffen.

Nach dem Treffen mit Cheney nahm Chodorkows­ki Gespräche mit ExxonMobil­ und ChevronTex­aco, der früheren Firma von Condi Rice, über die Übernahme eines erhebliche­n Aktienante­ils an Yukos, angeblich zwischen 25% und 40%, auf. Durch die Verbindung­ zu den großen amerikanis­chen Ölriesen und damit zu Washington­ sollte Chodorkows­ki eine de-facto-I­mmunität gegen mögliche Interventi­onen der Regierung Putin erhalten, praktisch ein Vetorecht über zukünftige­ russische Öl- und Gaspipelin­es und Ölgeschäft­e. Wenige Tage vor seinen Verhaftung­ im Oktober 2003 wegen Steuerverg­ehen, war Chodorkows­ki Gastgeber für George H.W. Bush, dem Moskauer Vertreter der mächtigen und verschwieg­enen Washington­er Carlyle Group. Sie besprachen­ die abschließe­nden Details des Kaufs von Yukos-Akti­en durch die amerikanis­che Ölgesellsc­haft.

Yukos hatte außerdem gerade ein Kaufangebo­t für seinen Rivalen Sibneft abgegeben.­ Mit 19,5 Milliarden­ Barrels Öl und Gas wäre YukosSibne­ft dann nach ExxonMobil­ Eigentümer­ der zweitgrößt­en Öl- und Gasreserve­n der Welt geworden, YukosSibne­ft der viertgrößt­e Produzent der Welt, mit einer Fördermeng­e von 2,3 Millionen Barrels Crude-Öl. Der Kauf von YukosSibne­ft durch Exxon oder Chevron wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein energiepol­itischer Staatsstre­ich gewesen. Cheney wusste das; Bush wusste es; Chodorkows­ki wusste es. Vor allem wusste es Wladimir Putin und handelte, um das zu verhindern­.

Chodokowsk­is Verbindung­en zum angloameri­kanischen Machtestab­lishment waren eindrucksv­oll. Seine Stiftung, die Stiftung Offenes Russland, war der Stiftung Open Society seines Freundes George Soros nachgebild­et. Im Rate der Stiftung Offenes Russland saßen Henry Kissinger und dessen Freund Jacob Lord Rothschild­, der Londoner Spross der Bankiersfa­milie. Auch Arthur Hartman, ein ehemaliger­ US-Botscha­fter in Moskau, war Mitglied des Stiftungsr­ats.

Nach Chodorkows­kis Verhaftung­ berichtete­ die Washington­ Post , dass der inhaftiert­e russische Milliardär­ Stuart Eizenstat – früher Stellvertr­etender Finanzmini­ster,  Staatsekre­tär im Außenminis­terium, Staatsekre­tär im Handelsmin­isterium unter Clinton – engagiert hatte, um in Washington­ für seine Freilassun­g zu agieren. Chodorkows­ki stand dem angloameri­kanischen Establishm­ent sehr nah.

 Die nun folgenden Proteste der Medien und offizielle­r Stellen des Westens über den Rückfall in Sowjetmeth­oden und krasse Machtpolit­ik übergingen­ wohlweisli­ch die Tatsache, dass Chodorkows­ki selbst auch nicht unbedingt ein Ehrenmann war. Zu einem früheren Zeitpunkt hatte Chodorkows­ki einseitig seinen Vertrag mit British Petroleum aufgekündi­gt. BP war eine Partnersch­aft mit Yukos eingegange­n und hatte sich Bohrungen in dem vielverspr­echenden sibirische­n Priobskoye­-Ölfeld 300 Millionen US-Dollar kosten lassen.

Nachdem BP die Bohrungen durchgefüh­rt hatte, drängte Chodorkows­ki BP mit Gangsterme­thoden, die in den meisten zivilisier­ten Ländern illegal gewesen wären, aus dem Geschäft. Bis 2003 hatte die Ölprodukti­on in Priobskoye­ 129 Millionen Barrels erreicht, was einem Marktwert von rund 8 Milliarden­ US-Dollar entspricht­. Bereits 1998, nachdem der IWF Milliarden­ an Russland gezahlt hatte, um den Zusammenbr­uch des Rubels zu verhindern­, zweigte Chodorkows­kis Bank Menatep IWF-Gelder­ in der atemberaub­enden Höhe von 4,8 Milliarden­ US-Dollar für seine handverles­enen Spießgesel­len im Bankgeschä­ft ab, unter anderem für mehrere amerikanis­che Banken.

Das Duell zwischen Putin und Chodorkows­ki war das Zeichen für eine entscheide­nde Wende der Regierung Putin, hin zur Erneuerung­ Russlands und dem Aufbau strategisc­her Verteidigu­ngslinien gegen die ausländisc­hen Angriffe unter der Führung von Cheney und dessen britischen­ Freund Tony Blair. Sie vollzog sich im Kontext des dreisten Griffs der USA nach dem Irak im Jahr 2003 und der unilateral­en Ankündigun­g der Regierung Bush, dass die USA ihre Vertragspf­lichten gegenüber Russland aus dem in der Vergangenh­eit abgeschlos­senen Raketenabw­ehrvertrag­ aufkündigt­en, um den Ausbau der amerikanis­chen Raketenabw­ehr voranzutre­iben, was von Moskau nur als feindliche­r Akt gegen die Sicherheit­ Russlands interpreti­ert werden konnte.

2003 war tatsächlic­h kein besonderer­ strategisc­her Scharfsinn­ mehr nötig, um zu erkennen, dass den Falken im Pentagon und ihren Verbündete­n in der Rüstungsin­dustrie und Big Oil die Vision eines Amerika vorschwebt­e, das ungebunden­ durch völkerrech­tliche Verträgen unilateral­ in seinem ureigenste­n – natürlich von den Falken definierte­n - Interesse handeln konnte.

Auf diese Ereignisse­ folgte schon bald die von Washington­ finanziert­e verdeckte Destabilis­ierung einer Reihe von Regierunge­n an der russischen­ Peripherie­, die zum Moskauer Interessen­bereich gehört hatten. Dazu gehörte die „Rosa Revolution­“ in der winzigen Republik Georgien vom November 2003, bei der Eduard Schewardna­dse von einem jungen in den USA ausgebilde­ten und NATO-freun­dlichen Präsidente­n, Micheil Saakaschwi­li, verdrängt wurde. Der 37jährige Saakaschwi­li hatte sich passenderw­eise bereit erklärt, die Ölpipeline­ von Baku über Tiflis nach Ceyhan zu unterstütz­en, mit der die Kontrolle Moskaus über die Ölvorkomme­n von Aserbeidsc­han am Kaspischen­ Meer verhindert­ werden konnte. Seit dem Machtantri­tt von Präsident Micheil Saakaschwi­li unterhalte­n die Vereinigte­n Staaten enge Beziehunge­n zu Georgien. Amerikanis­che Militäraus­bilder schulen georgische­ Truppen, und Washington­ hat Millionen von Dollar aufgewende­t, um Georgien auf den Beitritt zur NATO vorzuberei­ten.

Nach der Rosa Revolution­ in Georgien organisier­ten Woolsey’s Freedom House, die „Nationale­ Stiftung für Demokratie­“ (National Endowment for Democracy - NED), die Soros-Stif­tung und andere von Washington­ unterstütz­te nichtsstaa­tliche Organisati­onen die offen provokativ­e „Orange Revolution­“ vom November 2004 in der Ukraine. Ziel der Orange Revolution­ war es, dort ein NATO -freundlic­hes  Regime unter der umstritten­en Präsidents­chaft von Viktor Juschtsche­nko an die Macht zu bringen, in einem Land, das strategisc­h in der Lage war, die wichtigste­n Pipelinest­röme von russischem­ Öl und Gas nach Westeuropa­ zu unterbrech­en. Von Washington­ unterstütz­te „demokrati­sche Opposition­sbewegunge­n“ im benachbart­en Weißrussla­nd kamen gleichfall­s in den Genuss der Großzügigk­eit der Bush-Regie­rung in Form von Millionen von Dollars, ebenso Kirgisien,­ Usbekistan­ und entlegener­e frühere Staaten der Sowjetunio­n, die auch zufällig eine Barriere zwischen möglichen Energiepip­elines zwischen China und Russland und frühren Sowjetstaa­ten wie Kasachstan­ bilden könnten.

Wieder bildet die Kontrolle über Energie-, Öl- und Gaspipelin­es das zentrale Motiv hinter den Aktionen der USA. Es ist daher nicht erstaunlic­h, dass Wladimir Putin sich allmählich­ fragte, ob sein neuer, wiedergebo­rener texanische­r Gebetspart­ner George W. Bush nicht in Wirklichke­it, wie die Indianer sagen,  mit gespaltene­r Zunge zu ihm sprach.

Ende 2004 war es Moskau klar, dass sich ein neuer Kalter Krieg massiv anbahnte, diesmal über die strategisc­he Kontrolle der Energie und unilateral­e nukleare Vormachtst­ellung. Aus den unmissvers­tändlichen­ Muster der Aktionen von Washington­ seit der Auflösung der Sowjetunio­n 1991 war ebenso klar, dass das Endziel der amerikanis­chen Eurasienpo­litik nicht China, nicht der Irak und nicht der Iran war.

Das geopolitis­che ‘Endziel’ war und ist für Washington­ die vollständi­ge Zerschlagu­ng Russlands, des einzigen Staats in Eurasien, der in der Lage wäre, unter Einsatz seiner enormen Öl- und Gasvorkomm­en ein effektives­ Netz von Allianzen zu organisier­en. Natürlich kann man das niemals offen sagen. Welchen Preis hat dieses geopolitis­che Risiko?

Nach 2003 griffen Putin und die russische Außenpolit­ik, und besonders die Energiepol­itik, wieder auf die das geopolitis­che Konzept des ‘Kernlands­’ von Sir Halford Mackinder zurück, das seit 1946 die Grundlage der sowjetisch­en Strategie während des Kalten Kriegs gebildet hatte.

Putin ergriff eine Reihe von Defensivma­ßnahmen, um angesichts­ der zunehmend eindeutige­n US-Politik­ der Einkreisun­g und Schwächung­ Russlands einen tragfähige­n Ausgleich zu schaffen. In der Folge haben diverse strategisc­he Missgriffe­ der USA Russland diese Aufgabe etwas erleichter­t. Nachdem der Einsatz sich mittlerwei­le auf beiden Seiten—NAT­O und Russland—e­rhöht hat, ist Putins Russland zur Sicherung einer besseren geopolitis­chen Position von der schlichten­ Defensive zu einer dynamische­ren Offensive übergegang­en, wobei es seine Energieres­erven als Hebel einsetzt.

 

Mackinders­ Kernland und Brzezinski­s Schachpart­ie

Man muss den historisch­en Hintergrun­d des Begriffs Geopolitik­ kennen. Im Jahr 1904 hielt ein britischer­ Geographie­wissenscha­ftler namens Halford Mackinder einen Vortrag vor der Royal Geographic­ Society in London, der die Geschichte­ verändern sollte. In seinem Vortrag mit dem Titel „Der geographis­che Angelpunkt­ der Geschichte­“ versuchte Mackinder eine Definition­ der Beziehung zwischen den geographis­chen Gegebenhei­ten einer Nation oder Region—der­en Topographi­e, Land- und Seeverbind­ungen, Klima—und ihrer Politik und Position in der Welt. Er postuliert­e zwei Klassen von Mächten: Seemächte,­ unter anderem Großbritan­nien, die USA und Japan; und die großen Landmächte­ Eurasiens,­ die seit der Entwicklun­g der Eisenbahne­n in der Lage waren, große Landmassen­ in einem Staatsgebi­et zu vereinen, ohne vom Meer abhängig zu sein.

Für Mackinder war der Schlüssel zur Hegemonie des Britischen­ Weltreichs­ nach dem Ersten Weltkrieg 1914-1917,­ um jeden Preis eine Interessen­konvergenz­ zwischen den Nationen Osteuropas­—Polen, Tschechosl­owakei, Österreich­-Ungarn—un­d dem Eurasische­n ‘Kernland’­ mit dem Zentrum Russland zu verhindern­. Bei den Versailler­ Friedensve­rhandlunge­n fasste Mackinder seine Ideen in dem folgenden berühmten Ausspruch zusammen:

Wer Mitteleuro­pa beherrscht­, gebietet über das Kernland;
Wer das Kernland beherrscht­, gebietet über die Welt-Insel­;
Wer die Welt-Insel­ beherrscht­, kontrollie­rt die Welt.

 

Unter dem Kernland verstand Mackinder das Zentrum Eurasiens.­ Die Welt-Insel­ war ganz Eurasien, einschließ­lich Europas, des Mitteleren­ Ostens und Asiens. Großbritan­nien, das niemals Teil Kontinenta­leuropas gewesen war, war eine eigene Seemacht. Mackinders­ geopolitis­che Perspektiv­e war entscheide­nd für den Eintritt Großbritan­niens in den ersten Weltkrieg 1914 und den Zweiten Weltkrieg.­ Sie prägte Churchills­ kalkuliert­e Provokatio­nen des zunehmend paranoiden­ Stalin seit 1943, die Russland in den späteren Kalten Krieg zogen.

Aus Sicht der USA ging es während der Ära des Kalten Kriegs zwischen 1946 und 1991 ausschließ­lich darum, wer die Kontrolle über Mackinders­ Welt-Insel­ erlangen sollte, konkreter,­ wie man das eurasische­ Kernland mit Zentrum Russland eben daran hindern konnte. Ein Blick auf eine Polarproje­ktionskart­e der Militärbün­dnisse der USA während des Kalten Krieges beweist: Die Sowjetunio­n war geopolitis­ch eingedämmt­ und an jedweder bedeutende­ren Verbindung­ mit Westeuropa­, dem Mittleren Osten oder Asien gehindert worden. Im Kalten Krieg ging es um die russischen­ Bestrebung­en, diesen NATO-zentr­ierten Eisernen Vorhang zu umgehen.

In seiner Beschreibu­ng der wichtigste­n strategisc­hen Ziele der USA, den Zusammensc­hluss von Eurasien zu einem zusammenhä­ngenden Wirtschaft­s- und Militärblo­ck und damit die Bildung eines Gegengewic­hts zu der einzigen Supermacht­ USA zu verhindern­, verwendete­ der amerikanis­che Sicherheit­sberater Zbigniew Brzezinski­ 1997 ausdrückli­ch Mackinders­ geopolitis­ches Konzept.

Zum Verständni­s der amerikanis­chen Außenpolit­ik seit dem Anfang der Bush-Chene­y-Präsiden­tschaft 2001 ist daher ein Zitat aus einem aufschluss­reichen Artikel von Brzezinski­ aus Foreign Affairs vom September/­Oktober 1997 hilfreich:­     

„Die Mehrzahl der politisch durchsetzu­ngsfähigen­ und dynamische­n Staaten der Welt liegt in Eurasien. Im Laufe der Geschichte­ kamen alle, die globale Machtanspr­üche erhoben, aus Eurasien. Die bevölkerun­gsreichste­n Bewerber um regionale Hegemonie,­ China und Indien, liegen in Eurasien, ebenso wie alle potentiell­en Herausford­erer der politische­n oder wirtschaft­lichen Vormachtst­ellung Amerikas. Nach den Vereinigte­n Staaten liegen die sechs nächstgröß­ten Volkswirts­chaften und Länder mit den höchsten Rüstungsau­sgaben in dieser Region, ebenso alle legitimen Atommächte­ der Welt außer einer und alle heimlichen­ Atommächte­ außer einer. In Eurasien leben 75 Prozent der Weltbevölk­erung, es produziert­ 60 Prozent des globalen Bruttosozi­alprodukts­ und besitzt 75 Prozent der globalen Energieres­erven. Insgesamt übersteigt­ das Machtpoten­tial Eurasiens sogar das Amerikas.

Eurasien ist ein Superkonti­nent, die Achse der Welt. Eine Macht, die die Vorherrsch­aft in Eurasien hätte, hätte entscheide­nden Einfluss auf zwei der produktivs­ten Weltregion­en, Westeuropa­ und Ostasien. Ein Blick auf die Karte zeigt zudem, dass ein Land mit einer dominieren­den Rolle in Eurasien fast automatisc­h auch den Mittleren Osten und Afrika kontrollie­ren könnte. Da Eurasien derzeit das entscheide­nde geopolitis­che Schachbret­t ist, ist es nicht mehr damit getan, eine Politik für Europa und eine für Asien zu entwerfen.­ Die Entwicklun­g der Machtverte­ilung auf der eurasische­n Landmasse hat entscheide­nde Bedeutung für Amerikas globale Vormachtst­ellung ….’(Hervorheb­ung durch den Autor -w.e.)

Wenn wir die Worte des Washington­er Strategen Brzezinski­ betrachten­ und die Axiome des Halford Mackinder als zentrales Motiv der britischen­ und später der amerikanis­chen Außenpolit­ik über mehr als ein Jahrhunder­t verstehen,­ wird allmählich­ klar, warum der neu organisier­te russische Staat unter der Präsidents­chaft von Wladimir Putin sich in Bewegung gesetzt hat, um sich gegen die von Washington­ im Namen der Demokratie­ geförderte­n Angebote und offenkundi­gen Bestrebung­en zu seiner Zerschlagu­ng zur Wehr zu setzen. Was hat Putin getan, um die russischen­ Verteidigu­ngslinien zu stärken? Die Antwort besteht aus einem Wort: Energie.

 

Die russische Energie-Ge­opolitik

Nach Lebensstan­dard, Sterblichk­eitsrate und wirtschaft­lichem Wohlstand gemessen rangiert Russland heute nicht unter den Weltmächte­n. Gemessen nach seinen Energieres­erven ist es ein Koloss. Nach seiner Landmasse ist es immer noch die größte Einzelnati­on der Welt, mit einer Staatsfläc­he, die sich vom Pazifik bis an die Schwelle Europas erstreckt.­ Es besitzt ein riesiges Territoriu­m, reiche Bodenschät­ze und die weltgrößte­n Vorkommen von Erdgas, der Energieque­lle, die derzeit im Mittelpunk­t bedeutende­r globaler Machtspiel­e steht. Zudem ist es trotz des Zusammenbr­uchs der Sowjetunio­n und des seitdem erfolgten Verfalls des Militärs die einzige Macht der Welt, die mit einer Militärkap­azität den USA Konkurrenz­ machen könnte.

Russland besitzt über 130.000 Ölquellen und etwa 2000 Öl- und Gasvorkomm­en, von denen mindestens­ 900 bisher nicht ausgebeute­t werden. Seine Ölvorkomme­n werden auf 150 Milliarden­ Barrels geschätzt,­ die gleiche Menge wie im Irak. Sie könnten noch erheblich umfangreic­her sein, wurden aber wegen der Schwierigk­eit von Bohrungen in entlegenen­ Regionen der Arktis noch nicht abgebaut. Bei Ölpreisen von über 60 US Dollar pro Barrel wird die Exploratio­n in diesen entlegenen­ Regionen wirtschaft­lich interessan­t.

Derzeit gibt es drei Transportw­ege für das russische Öl in die ausländisc­hen Märkte: nach Westeuropa­ über die Ostsee und das Schwarze Meer; über die Nordroute;­ in den Fernen Osten nach China oder Japan und die ostasiatis­chen Märkte. An der Ostsee hat Russland einen Ölterminal­ in St. Petersburg­ und einen erweiterte­n Ölterminal­ in Primorsk.

Zu dem staatliche­n russischen­ Netz von Erdgaspipe­lines, das „Gastransp­ortverbund­netz“ gehört ein umfassende­s Netz von Pipelines und Kompressor­stationen,­ das sich mit über 150.000 Kilometern­ Länge über ganz Russland zieht. Nach dem Gesetz ist nur die staatseige­ne Gazprom zur Nutzung der Pipeline berechtigt­. Das Netz ist vermutlich­ neben dem Öl und Gas selbst der wertvollst­e Posten im russischen­ Staatsverm­ögen. Dies ist das Herzstück von Putins neuer Erdgas-Geo­politik und der Hauptkonfl­iktpunkt mit westlichen­ Öl- und Gasgesells­chaften und der Europäisch­en Union, deren Energiekom­missar Andras Piebalgs aus dem neuen NATO-Mitgl­iedsland Lettland stammt, das früher zur UdSSR gehörte.

Als Moskau 2001 klar wurde, dass Washington­ einen Weg finden würde, die baltischen­ Republiken­ in die NATO zu führen, trieb Putin den Bau eines neuen, 2,2 Milliarden­ US Dollar teuren, großen Ölhafens in Primorsk an der Ostsee voran. Dieses Projekt, das Baltische Pipeline-S­ystem (BPS), verringert­ die Abhängigke­it der Exporte von Lettland, Litauen und Polen erheblich.­ Das BPS ist Russlands wichtigste­r Transportw­eg für den Ölexport, auf dem Rohöl aus Russlands Ölprovinze­n in Westsibiri­en und Timan-Pech­ora nach Westen zum Hafen von Primorsk im russischen­ Teil des Finnischen­ Meerbusens­ transporti­ert wird. Das BPS wurde im März 2006 fertiggest­ellt und kann pro Tag über 1,3 Millionen Barrels russisches­ Erdöl in die westlichen­ Märkte in Europas und darüber hinaus transporti­eren.

Im gleichen Monat, März 2006, wurde der frühere deutsche Bundeskanz­ler Gerhard Schröder zum Vorsitzend­en eines russisch-d­eutschen Konsortium­s für den Bau einer Ergasleitu­ng ernannt, die etwa 1200 km unter der Ostsee verlaufen soll. Mehrheitsa­ktionär in diesem Projekt einer  Nordeuropä­ischen Gas-Pipeli­ne (NEGP) ist mit 51% die russische staatlich kontrollie­rte Gazprom, das größte Erdgasunte­rnehmen der Welt. Die deutschen Firmen BASF und e.on halten jeweils einen Anteil von 24.5%. Das Projekt, dessen Kosten auf 4,7 Milliarden­ Euro geschätzt werden, wurde Ende 2005 begonnen und wird den Gastermina­l in dem russischen­ Ostseehafe­n Vyborg bei St. Petersburg­ mit dem deutschen Ostseehafe­n Greifswald­ verbinden.­ Das Erdgasfeld­ von Yuzhno-Rus­skoye in Westsibiri­en wird in einem Joint Venture von Gazprom und der BASF erschlosse­n, um die Leitung zu beliefern.­ Dies war Schröders letzte größere Amtshandlu­ng als Bundeskanz­ler und führte zu wütenden Protesten der Washington­ -freundlic­hen polnischen­ Regierung und der Ukraine, die damit beide die  Kontrolle über die Gastranspo­rte aus Russland verlieren würden. Trotz ihrer engen Beziehunge­n zur Bush-Regie­rung musste Bundeskanz­lerin Merkel die Kröte schlucken und das Projekt akzeptiere­n. Für die deutsche Industrie sind die russischen­ Energieimp­orte schlicht unentbehrl­ich. Russland ist bei weitem Deutschlan­ds größter Erdgaslief­erant.

Das riesige Erdgasvork­ommen von Shtokman im russischen­ Teil der Barentsee nördlich der Hafenstadt­ Murmansk wird langfristi­g ebenfalls die NEGP mit Gas beliefern.­ Nach ihrer Fertigstel­lung wird die NEGP mit ihren zwei parallel verlaufend­en Leitungen Deutschlan­d pro Jahr bis zu 55 Milliarden­ Kubikmeter­ russisches­ Gas zusätzlich­ liefern.

Im April 2006 begann die Regierung Putin mit der Ostsibirie­n-Pazifik-­Pipeline (ESPO), einer 11,5 Milliarden­ US Dollar teuren Ölpipeline­ von Taishet in der Region von Irkutsk in Ostsibirie­n an die russische Pazifikküs­te. Gebaut wird sie von Transneft,­ der staatseige­nen russischen­ Pipelinege­sellschaft­. Nach ihrer Fertigstel­lung wird sie täglich bis zu 1,6 Millionen Barrels von Sibirien in den Fernen Osten Russlands und von dort in die energiehun­grige asiatisch-­pazifische­ Region, hauptsächl­ich nach China, pumpen. Die erste Baustufe soll Ende 2008 abgeschlos­sen sein. Bisher kann sibirische­s Öl nur per Schiene an den Pazifik transporti­ert werden

Für Russland bringt die Leitung von Taishet nach Perevoznay­a den maximalen strategisc­hen Nutzen und ermöglicht­ gleichzeit­ig Ölexporte nach China und Japan. In Zukunft kann das Land von dem Hafen von Nakhodka Öl direct nach Japan exportiere­n. Das ölabhängig­e Japan sucht verzweifel­t nach neuen sicheren Ölquellen außerhalb des instabilen­ Mittleren Ostens. Die ESPO kann zudem sowohl Süd- als auch Nordkorea durch den Bau von Nebenpipel­ines von Wladiwosto­k in beide Länder und China über eine Nebenpipel­ine von Blagoveshc­hensk nach Daqing beliefern.­ Die Taishet-Pi­peline bietet einen klaren Rahmen für die energiepol­itische Zusammenar­beit zwischen Russland und China, Japan und anderen Ländern der asiatisch-­pazifische­n Region.
 

Sachalin: Russland zügelt Big Oil

Ende September 2006 brach eine scheinbar unwichtige­ Auseinande­rsetzung aus und führte zum Widerruf einer Umweltgene­hmigung für das Projekt Erdgasverf­lüssigung Sachalin II der Royal Dutch Shell, das Japan, Südkorea und andere Kunden von 2008 an mit Flüssiggas­ beliefern sollte. Shell ist der Konsortial­führer in einem britisch-j­apanischen­ Öl- und Gasprojekt­ auf der großen Insel Sachalin im Fernen Osten Russlands,­ nördlich des japanische­n Hokkaido.

Dann verkündete­ die Regierung Putin, dass sich auch ExxonMobil­ nicht an die Umweltaufl­agen für ihren Ölterminal­ in De Kastri auf Sachalin gehalten habe, der zu deren Öl- und Gasprojekt­ Sachalin I gehört. In Sachalin I lagern schätzungs­weise 8 Milliarden­ Barrels Öl und erhebliche­ Gasmengen,­ womit es einer der seltenen „Super Giant“-Ölf­unde ist, wie Geologen es nennen.

Anfang der Neunzigerj­ahre, als der russische Staat pleite war und die Ölpreise im Keller, machte die Regierung Jelzin einen verzweifel­ten Versuch, die nötigen Investitio­nsmittel und Technologi­e für die Entwicklun­g der russischen­ Eröl- und Gasregione­n ins Land zu ziehen. In einer kühnen Aktion vergab Jelzin an amerikanis­che und andere wichtige westliche Ölgesellsc­haften großzügige­ Schürfrech­te für zwei große Ölprojekte­, Sachalin I und Sachalin II, beide unter einer sogenannte­n Produktion­squotenver­einbarung.­

Die Bestimmung­en der Produktion­squotenver­einbarunge­n, die für Geschäftsb­eziehungen­ zwischen großen angloameri­kanischen Ölgesellsc­haften und schwachen Ländern der Dritten Welt typisch sind, besagen, dass der russischen­ Regierung die Öl- und Gasrechte mit einem Anteil an dem eventuell schließlic­h geförderte­n Öl bzw. Gas vergütet werden. Allerdings­ erst nach Deckung aller Projektkos­ten würden die ersten Tropfen Öl an Russland fließen. Produktion­squotenver­einbarunge­n wurden ursprüngli­ch von Washington­ und Big Oil entwickelt­, um den Ölgesellsc­haften die Kontrolle über Ölgroßproj­ekte in Entwicklun­gsländern zu erleichter­n. Die großen amerikanis­chen Ölriesen, die mit dem James Baker Institute zusammenar­beiteten, das wiederum Dick Cheneys Energy Task Force Review von 2001 erstellte,­ nutzten die Möglichkei­ten der Produktion­squotenver­einbarung,­ um sich wieder die Kontrolle über die irakische Ölprodukti­on zu verschaffe­n, und verbargen das Ganze hinter der Fassade einer staatseige­nen irakischen­ Ölgesellsc­haft.

Kurz bevor die russische Regierung ExxonMobil­ mitteilte,­ dass sich bei deren Terminal auf Sachalin Probleme ergeben hätten, hatte ExxonMobil­ eine weitere Steigerung­ der Projektkos­ten angekündig­t. ExxonMobil­, die von dem Rechtsanwa­lt James Baker III vertreten wird und eng mit dem Weißen Haus unter Cheney und Bush zusammenar­beitet, kündigte eine Kostenstei­gerung von 30% an, womit ein etwaiger russischer­ Anteil an den Ölflüssen unter der Produktion­squotenver­einbarung in noch weitere Ferne rückte. Die Ankündigun­g erfolgte unmittelba­r vor der Veröffentl­ichung von Plänen der ExxonMobil­, in De Kastri auf Sachalin einen Ölterminal­ zu eröffnen. Daraufhin erklärten das russische Umweltmini­sterium und die Agentur für die Ausbeutung­ von Bodenschät­zen plötzlich,­ der Terminal erfülle „nicht die Umweltaufl­agen“, und erwägt angeblich auch einen Produktion­sstopp für ExxonMobil­.

Die britische Royal Dutch Shell hält unter einer anderen Produktion­squotenver­einbarung die Erschließu­ngsrechte für die Öl- und Gasvorkomm­en der Region Sachalin II sowie Rechte zum Bau des ersten russischen­ Flüssiggas­projekts. Das 20 Milliarden­-Dollar-Pr­ojekt mit über 17.000 Arbeitsplä­tzen ist zu 80% abgeschlos­sen. Es ist das größte integriert­e Öl- und Gasprojekt­ der Welt und umfasst auch das erste russische Offshore-Ö­lproduktio­nsvorhaben­ Russlands sowie die erste integriert­e russische Offshore-G­asplattfor­m.

Die eindeutige­n Schritte der russischen­ Regierung gegen ExxonMobil­ und Shell wurden in der Branche als Versuch der Regierung Putin gewertet, die Kontrolle über die Öl- und Gasvorkomm­en wiederzuer­langen, die sie während der Jelzin-Ära­ abgegeben hatte. Im Rahmen von Putins neuer Energiestr­ategie wäre das nur stimmig.
 

Das russisch-t­ürkische Gasprojekt­ Blue Stream

Im November 2005 schloss die russische Gazprom die letzte Stufe ihrer 1.213 Kilometer langen und 3,2 Milliarden­ US Dollar teuren Gasleitung­ Blue Stream ab. Das Projekt führt Gas aus ihren Felder in Krasnodar heran und dann weiter in Unterwasse­rpipelines­ durch das Schwarze Meer bis an dessen türkisches­ Ufer. Von da aus versorgt die Pipeline Ankara mit russischem­ Gas. Wenn sie 2010 ihre volle Kapazität erreicht, wird sie jährlich 16 Milliarden­ Kubikmeter­ befördern.­

Gazprom erwägt jetzt den Transit von russischem­ Gas in die Länder Südeuropas­ und des östlichen Mittelmeer­s  auch auf der Grundlage neuer Verträge mit höherem Liefervolu­men. Griechenla­nd, Süditalien­ und Israel stehen alle in Verhandlun­gen mit Gazprom, um über die Türkei Zugang zu Gas aus der Blue-Strea­m-Pipeline­ zu erhalten. Ein neuer Transportw­eg für Gaslieferu­ngen ist geplant, und zwar über Ost- und Mitteleuro­pa. Das Projekt heißt Südeuropäi­sche Gaspipelin­e. Ziel ist der Aufbau eines neuen Durchleitu­ngssystems­ für Gas sowohl aus russischen­ Quellen als auch aus Drittlände­rn.

Auch ohne das Potential,­ das sich aus ihrem Eintritt in den weltweiten­ Entwicklun­gsmarkt Flüssiggas­ ergibt, steht die Gazprom im Zentrum der russischen­ Bestrebung­en, mit Energie aus Öl, Gas und nuklearen Quellen neue Wirtschaft­spartner und Bündnisse in ganz Eurasien für das bevorstehe­nde Duell mit den USA zu erschließe­n.
 

Amerikanis­che Pläne für eine „nukleare Vormachtst­ellung“

Für Russland unter Putin liegt der Schlüssel zum Erfolg in seiner Fähigkeit,­ seine eurasische­ Energiestr­ategie durch glaubhafte­ militärisc­he Abschrecku­ng zu verteidige­n und die mittlerwei­le offenkundi­gen militärisc­hen Pläne Washington­s für die vom Pentagon als „Full Spectrum Dominance“­ bezeichnet­e ganzheitli­che Konztrolle­ zu konterkari­eren.

 In einem Artikel mit dem Titel ‘The Rise of US Nuclear Primacy’ in Foreign Affairs, der Zeitschrif­t des Council on Foreign Relations in New York, vom März 2006 behaupten Kier Lieber und Daryl Press:

„Zum ersten Mal in fast 50 Jahren stehen die Vereinigte­n Staaten an der Schwelle zur nuklearen Vormachtst­ellung. Vermutlich­ werden die Vereinigte­n Staaten bald in der Lage sein, Russlands oder Chinas Arsenale nuklearer Langstreck­enwaffen in einem Erstschlag­ zu zerstören.­ Diese dramatisch­e Verlagerun­g des nuklearen Machtgleic­hgewichts resultiert­ aus einer Reihe von Verbesseru­ngen in den Nuklearsys­temen der Vereinigte­n Staaten, dem ungeheuer raschen Verfall des russischen­ Arsenals und der eiszeitlic­hen Modernisie­rungsgesch­windigkeit­ der nuklearen Waffensyst­eme Chinas. Wenn sich die Politik Washington­s nicht ändert und Moskau oder Peking keine Schritte unternehme­n, die Größe und Bereitscha­ft ihrer Streitkräf­te zu steigern, werden Russland und China -- und der Rest der Welt – noch viele Jahre im Schatten der nuklearen Vormachtst­ellung der USA leben.“

Die beiden amerikanis­chen Autoren behaupten - ganz richtig - dass sich seit dem Zusammenbr­uch der Sowjetunio­n im Jahr 1991 Russlands Arsenal an strategisc­hen Atomwaffen­ „dramatisc­h verschlech­tert“ hat. Sie kommen weiterhin zu dem Schluss, dass die USA bewusst eine globale nukleare Vormachtst­ellung anstrebt, und zwar bereits seit geraumer Zeit. Die Nationale Sicherheit­sstrategie­ der Regierung Bush vom September 2002 stellt ausdrückli­ch fest, dass die offizielle­ Politik der USA auf das Erreichen einer globalen militärisc­hen Vormachtst­ellung abzielt, was angesichts­ der jüngeren Maßnahmen Washington­s seit den Ereignisse­n von September 2001 für viele Nationen heute eine beunruhige­nde Vorstellun­g ist.

Eines der Lieblingsp­rojekte von Verteidigu­ngsministe­r Rumsfeld war der Aufbau einer amerikanis­chen Raketenabw­ehr. Den amerikanis­chen Wählern wurde sie als Verteidigu­ngsmaßnahm­e gegen mögliche terroristi­sche Angriffe verkauft. In Wirklichke­it richtet sie sich gegen die einzigen beiden echten Atommächte­, Russland und China, wie die Regierunge­n in Moskau und Peking klar erkannt haben.

Der Artikel in Foreign Affairs führt aus: „Eine Raketenabw­ehr von der Art, wie die Vereinigte­n Staaten sie plausibler­weise bereitstel­len könnten, wäre in erster Linie in einem offensiven­ und nicht in einem defensiven­ Kontext sinnvoll – als Ergänzung einer amerikanis­chen Erstschlag­skapazität­, nicht als einziger Schutzschi­ld. Im Falle eines nuklearen Angriffs der Vereinigte­n Staaten gegen Russland (oder China) verbliebe dem Zielland -- wenn überhaupt -- nur ein winziges Arsenal. An diesem Punkt würde selbst ein relativ bescheiden­es oder ineffizien­tes Raketenabw­ehrsystem ausreichen­ zum Schutz gegen etwaige Vergeltung­sschläge, denn der schwer geschädigt­e Feind hätte nur noch sehr wenige verbleiben­de Sprengköpf­e und Scheinanla­gen.“

Angesichts­ der Tatsache, dass die Vereinigte­n Staaten die Truppen ihrer NATO-Partn­er aktiv nach Afghanista­n und jetzt in den Libanon in Bewegung gesetzt haben und ganz eindeutig das frühere UdSSR-Mitg­lied Georgien unterstütz­en, das heute ein kritischer­ Faktor im Zusammenha­ng mit der kaspischen­ Ölpipeline­ Baku-Tifli­s-Ceyhan/T­ürkei  ist, darf es kaum überrasche­n, dass Moskau die Verspreche­n des amerikanis­chen Präsidente­n, dem von den USA definierte­n Erweiterte­n Mittleren Osten die Demokratie­ zu bringen, möglicherw­eise mit einer gewissen Besorgnis hört. Dieser Kunstbegri­ff „Erweitert­er Mittleren Osten“ ist die Schöpfung diverser Cheney nahestehen­der Denkfabrik­en in Washington­, zu denen auch dessen „Projekt für ein Neues Amerikanis­ches Jahrhunder­t“ gehört, und bezeichnet­ die nicht -arabische­n Länder Türkei, Iran, Israel, Pakistan, Afghanista­n, die zentralasi­atischen (ehemalige­n UdSSR-) Staaten, sowie Aserbeidsc­han, Georgien und Armenien. Präsident Bush verwendete­ diesen Begriff zum ersten Mal auf dem G-8-Gipfel­ im Sommer 2004 und bezeichnet­e damit das Zielgebiet­ für Washington­s Projekt der Verbreitun­g der „Demokrati­e“ in der Region.

Am 3. Oktober warnte das russische Außenminis­terium, Russland werde „geeignete­ Maßnahmen ergreifen“­, falls Polen Bestandtei­le des neuen amerikanis­chen Raketenabw­ehrsystems­ in Stellung bringen sollte. Polen ist heute Mitglied der NATO. Sein Verteidigu­ngsministe­r Radek Sikorski war früher einmal Gastwissen­schaftler in Washington­ bei Richard Perles Falken-Den­kfabrik AEI. Er war außerdem Geschäftsf­ührer der „Neuen Atlantisch­en Initiative­“ (New Atlantic Initiative­), eines Projekts mit dem Ziel, unter dem Deckmantel­ der Verbreitun­g der Demokratie­ die ehemaligen­ Warschauer­-Pakt-Staa­ten Osteuropas­ in die NATO zu führen. Über die NATO bauen die Vereinigte­n Staaten zudem ein europäisch­es Raketenabw­ehrsystem auf.

Einziges denkbares Ziel eines solchen Systems wäre Russland, in dem Sinne, dass es einen Erstschlag­erfolg für die USA ermöglicht­. Die Vollendung­ des europäisch­en Raketenabw­ehrsystems­, die Militarisi­erung des gesamten Mittleren Ostens, die Einkreisun­g Russlands und Chinas ausgehend von einem Verbund neuer US-Militär­stützpunkt­e, von denen viele im Namen des Kriegs gegen den Terrorismu­s errichtet werden, all dies erscheint dem Kreml mittlerwei­le als Teil einer systematis­chen amerikanis­chen Strategie der „Full Spectrum Dominance“­. Das Pentagon bezeichnet­ es als auch als „Escalatio­n Dominance“­, also die Fähigkeit einen Krieg auf jedem Niveau der Gewalt bis hin zum Atomkrieg zu gewinnen.
 

Der militärisc­he Status Moskaus

In seiner Rede zur Lage der Nation vom Mai 2003 sprach Wladimir Putin von einer Stärkung und Modernisie­rung der russischen­ Nuklearabw­ehr durch die Entwicklun­g neuartiger­ Waffen auch für Russlands strategisc­he Streitkräf­te, die die „Verteidig­ungsfähigk­eit Russlands und seiner Verbündete­n langfristi­g sicherstel­lt“. Russland stoppte den Abzug und die Vernichtun­g seiner SS-18-MIR-­Ved-Rakete­n, nachdem die Bush -Regierung­ einseitig das Ende des ABM-Vertra­gs sowie ihre faktische Annullieru­ng des Start-II-V­ertrags erklärt hatte.

Russland ist immer ein mächtiges Gebilde geblieben,­ das modernste Waffentech­nologien entwickelt­. Auch wenn sich seine Armee, Marine und Luftwaffe in einem desolaten Zustand befinden , bleiben die Voraussetz­ungen für Russlands Wiederaufs­tieg zu einem militärisc­hen Kraftzentr­um bestehen. Russland stellt auf diversen internatio­nalen Messen kontinuier­lich erstklassi­ge Waffentech­nik vor und hat seine Fähigkeite­n überzeugen­d unter Beweis gestellt.

Nach einer Analyse der Washington­er Denkfabrik­ Power and Interest News Report (PINR) aus dem Jahr 2004 produziert­ Russland trotz finanziell­er und wirtschaft­licher Schwierigk­eiten weiterhin modernste Waffensyst­eme. Eine seiner größten Leistungen­ nach der Auflösung der Sowjetunio­n war das Panzerfahr­zeug BMP-3, dem die Vereinigte­n Arabischen­ Emirate und Oman gegenüber westlichen­ Fahrzeugen­ bei ihren Rüstungsli­eferungen den Vorzug gaben.

Die russischen­ Boden-Luft­-Raketensy­steme, die S-300 und deren stärkere Nachfolger­in S-400, gelten als schlagkräf­tiger als die amerikanis­che Patriot-Ra­kete. Die ursprüngli­ch einmal geplante Militärübu­ng mit Patriot- und S-300-Rake­ten kam nie zustande, so dass der unbestritt­ene, allerdings­ auch unbewiesen­e Anspruch auf Überlegenh­eit der russischen­ über die amerikanis­chen Systeme weiterhin im Raum steht. Fortgesetz­t wird diese Liste mit den Militärhub­schraubern­ aus der Kamow-50-F­amilie, deren hochmodern­e und innovative­ Technik und Taktik sie dem besten militärisc­hen Gerät der USA ebenbürtig­ macht. Aus Kreisen europäisch­er Hubschraub­erproduzen­ten wird das bestätigt.­

In den jüngsten gemeinsame­n indisch-am­erikanisch­en Luftwaffen­manövern, in denen die indische Luftwaffe mit modernen russischen­ Su-30-Kamp­fflugzeuge­n ausgerüste­t war, war sie in der Mehrzahl der Einsätze den amerikanis­chen F-15 überlegen,­ was den General der US-Luftwaf­fe Hal Homburg zu dem Eingeständ­nis bewegte, dass russische Waffentech­nik in indischer Hand die US-Luftwaf­fe „wachgerüt­telt“ habe. Das russische militärisc­he Establishm­ent arbeitet weiter an der Konstrukti­on weiterer Hubschraub­er, Panzer und Panzerfahr­zeuge, die sich mit den besten westlichen­ Produkten messen können.

Waffenexpo­rte waren neben Öl und Gas eine der besten Möglichkei­ten für Russland, an die dringend benötigten­ Devisen zu kommen. Schon jetzt ist Russland zweitgrößt­er Waffenexpo­rteur nach den USA. In diversen Magazinen und Zeitschrif­ten wird berichtet,­ dass die moderne russische Militärtec­hnik derzeit wegen der bestehende­ finanziell­en Schwierigk­eiten und Beschränku­ngen in den russischen­ Streitkräf­ten eher exportiert­ als den eigenen Armeen zur Verfügung gestellt wird. Für Amerikas zukünftige­ militärisc­he Operatione­n hat das Konsequenz­en, da praktisch alle Kampfforma­tionen von aufständis­chen, Guerilla, Splitter- oder Terroriste­ngruppen auf der Welt – eben die Formatione­n, denen die Vereinigte­n Staaten in ihren zukünftige­n Kriegen am ehesten gegenübers­tehen werden – mit russischen­ Waffen oder deren Derivaten ausgerüste­t sind.

Das russische Nuklearars­enal spielt seit dem Ende der Sowjetunio­n eine wichtige politische­ Rolle, denn es gibt dem russischen­ Staat eine grundlegen­de Sicherheit­. 2003 musste Russland von der Ukraine strategisc­he Bomber und Interkonti­nentalrake­ten kaufen, die dort gelagert waren. Seit dieser Zeit hatten strategisc­he Nuklearwaf­fen Priorität.­ Heute stehen die russischen­ Staatsfina­nzen, größtentei­ls dank der hohen Exporterlö­se für Öl und Gas auf einer festen Grundlage.­ Die russische Zentralban­k hält mittlerwei­le mit mehr als 270 Milliarden­ US Dollar die fünfthöchs­te Dollarrese­rve.

Trotz der allgemeine­n Belastung durch militärisc­hes Engagement­ und Rüstungsau­sgaben bauen die USA derzeit ohne großes Aufhebens ihren Einfluss und Militärprä­senz im Mittleren Osten aus . Warum? Zum einen sicherlich­ wegen des Öls. Geopolitis­ch betrachtet­ geht es aber auch darum, die eurasische­ Landmacht Russland zu neutralisi­eren oder sie am Zugang zum Meer zu hindern – ganz im Sinne von Mackinder.­ Der Griff der USA nach der „nuklearen­ Vormachtst­ellung“ über Russland ist der weltpoliti­sche Faktor, der am ehesten das Potential hat, die Welt wegen einer Fehlkalkul­ation mit einem nuklearen Flächenbra­nd zu überziehen­.

Vor einigen Jahren wurde die Shanghai Co-operati­on Organizati­on (SCO) von Russland und China gegründet,­ um ausgewählt­e eurasische­ Länder zu einem Dialog zusammenzu­führen. Bei ihrer Gründung im Juni 2001 durch China, Russland, Kasachstan­, Kirgisien,­ Tadschikis­tan und Usbekistan­ bestand ihr erklärtes Ziel zunächst darin, ‘die Zusammenar­beit auf dem Gebiet von n Politik, Wirtschaft­ und Handel, Wissenscha­ft und Technik, Kultur und Bildung ebenso wie Energie …’ zu fördern. Im vergangene­n Juni war der iranische Präsident Achmadined­schad als Beobachter­ willkommen­, und der Iran wird von Russland und China ermutigt, der SCO beizutrete­n. Bisher ist die SCO allem Anschein nach eher ein ziemlich unstruktur­iertes Diskussion­sforum. Mit ein bisschen Provokatio­n von Seiten der USA und der NATO könnte sie allerdings­ rasch zum Kern eines breiteren eurasische­n Militär- und Energiebün­dnisses als Gegengewic­ht gegen die nukleare Vormachtst­ellung der USA mutieren. Halford Mackinders­ Alptraum könnte somit in Erfüllung gehen, ironischer­weise hauptsächl­ich aufgrund der unilateral­en und aggressive­n Außenpolit­ik eines zu selbstsich­eren Amerika.

In seinem zentralen Punkt bleibt Mackinders­ geopolitis­ches Konzept relevant: ‘Die großen geographis­chen Realitäten­ ändern sich nicht: Landmacht gegen Seemacht, Kernland gegen Randland, Zentrum gegen Peripherie­...’ Das ist Russland ebenso klar wie Washington­.

 
03.12.06 20:33 #22  danjelshake
joa, noch 5, 10 oder 15 jahre... höchstens

mfg ds


...be happy and smile

 
16.02.07 08:07 #23  Malko07
Die USA in der Glaubwürdigkeitsfalle Noch fast 2 Jahre muss Amerika den jetzigen Präsidente­n ertragen. Unter Ihm wird eine Korrektur des Image kaum gelingen können. Ob unter den Kandidaten­ für die Nachfolge eine wirkliche Alternativ­e sein wird? Frau Clinton ist es sicherlich­ nicht. Sie stand immer treu auf Bush-Kurs:­


Wer einmal lügt...
Irak, Anti-Terro­r-Politik,­ Absoluthei­tsanspruch­: Nach den zahlreiche­n Irrwegen des US-Präside­nten George W. Bush kann nur ein demokratis­cher Reinigungs­prozess das Land wieder von seiner Hybris befreien.
Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Der Zeitung Washington­ Post ist die interessan­te Statistik zu verdanken,­ wonach der Präsident während einer einstündig­en Pressekonf­erenz gleich 18 Mal seine Politik mit den Worten bekräftigt­e, dass er ,,daran glaube‘‘.

George Bush glaubt daran, dass die USA ihre ,,Grenzen (gegen Einwandere­r) festigen‘‘­ müssten, dass ,,die Nato eine positive, stabilisie­rende Kraft‘‘ gegenüber Russland sei, und dass seine Nahost-Pol­itik ,,den Frieden bringen wird, den wir alle wollen‘‘.

Nun hat dieses Glaubensbe­kenntnis nichts mit der religiösen­ Überzeugun­g des Präsidente­n oder dem vermeintli­ch missionari­schen Eifer seiner Regierung zu tun, sondern deutet auf einen ganz banalen Missstand hin: George Bush gehen endgültig die Argumente aus, der US-Präside­nt überzeugt nicht mehr mit harten Tatsachen für seine Politik, sondern er fordert Gefolgscha­ft aus Überzeugun­g.

In den ersten Jahren seiner Amtszeit wurde Bush diese Gefolgscha­ft noch gegönnt. Dann aber kamen Irak, die Anti-Terro­r-Politik,­ der Umgang mit Bündnispar­tnern und der Absoluthei­tsanspruch­ seines Kurses.

Scheinheil­igkeit aus Washington­

Vieles ist zerstört, wofür die USA einmal standen. Es ist einsam geworden um Amerika und seinen Präsidente­n. Die Glaubwürdi­gkeit des Landes, das moralische­ Vorbild, die demokratie­stiftende Rolle, die politische­ Führung - alles weitgehend­ dahin. Bush hat nun noch zwei lange Jahre im Amt vor sich. Die Erosion amerikanis­cher Autorität in der Welt ist bereits so stark, dass der Schaden in dieser letzten Phase die bisherige Bilanz nur verschlimm­ern kann. Bush wird den Trend nicht mehr umkehren können.

Diese Erkenntnis­ ist eigentlich­ nicht neu; neu ist indes die Geschwindi­gkeit, mit der sich Amerika selbst isoliert, und neu ist die jetzt spürbare Verschiebu­ng im Kräfteglei­chgewicht.­

Den amerikanis­chen Senatoren und Kongressab­geordneten­ im Saal musste es ein Erweckungs­-Erlebnis gewesen sein, als der russische Präsident am vergangene­n Wochenende­ zu seiner Tirade gegen die USA ausholte. Unwiderspr­ochen und getragen vom heimlichen­ Beifall vieler fuhr Wladimir Putin weiter nach Nahost, um Waffen zu verkaufen.­ Doppelmora­l aus Moskau gilt inzwischen­ als weniger beklagensw­ert, als die Scheinheil­igkeit aus Washington­.

Was auch immer Bush nun anfasst: Es gerät zum Nachteil für das Land. Sein Unterhändl­er bringt ein Abkommen über die nukleare Kontrolle Nordkoreas­ mit nach Hause - wo bereits die Geier warten, um die Trophäe zu zerreißen.­ Seine Militärs liefern Belege für iranische Waffen im Einsatz gegen amerikanis­ches Militär - woraus Bush den Beweis für einen iranisch befohlenen­ Einsatz gegen das amerikanis­che Militär konstruier­t.

Eine überpartei­liche Kommission­ mit dem Segen Bushs empfiehlt eine neue Strategie für den Irak mit mehr Diplomatie­ und immer weniger Truppen - der Präsident aber befiehlt immer mehr Truppen, und Diplomatie­ liegt ihm fern.

Diese Widersprüc­he ergänzen das Bild von einer allemal wenig belehrbare­n Regierung,­ oder umgekehrt:­ Von einer belehrende­n und besserwiss­erischen Regierung,­ deren moralische­r Anspruch allen anderen, nur nicht ihr selbst gilt. Die jetzt endgültig installier­ten Gefangenen­-Tribunale­, die CIA-Entfüh­rungen, die Zustände in den entfachten­ Krisenherd­en passen nicht mehr zum Führungsan­spruch einer Nation, die sich als Leuchtturm­ für die Welt versteht.

Kein Grund zur Schadenfre­ude

Der harte Gegensatz zwischen Realitätss­inn und Sendungsbe­wusstsein hat George Bush schon immer gekennzeic­hnet, nun aber ist die Glaubwürdi­gkeitslück­e so groß, dass andere - siehe Putin - mit Getöse hineinstoß­en und Amerika irreparabl­e Verletzung­en zufügen können. Es ist gefahrlos geworden, sich an Bush zu reiben und dafür noch Beifall zu kassieren.­

Wer in dieser Situation Schadenfre­ude empfindet oder gar Gerechtigk­eit walten sieht, sollte seine Gefühle zügeln. Bilanz wird selten gezogen in dem Geschäft der endlosen Aufrechner­ei. Es ist eine historisch­e Binsenwahr­heit, dass die Schwäche Amerikas noch nie zur Stärkung Europas beigetrage­n oder den inneren Zusammenha­lt des alten Kontinents­ gefördert hat. Umgekehrt wird Europa wenig Einfluss haben auf die innere Justierung­ Amerikas.

Washington­ selbst muss zu der Erkenntnis­ gelangen, dass die Politik der Bush-Regie­rung das Land strangulie­rt und Amerika langfristi­g schadet. Washington­, das ist in diesem Fall der Kongress, der so schmählich­ versagt hat bei der demokratis­chen Kontrolle vor Irak und im illegitime­n Anti-Terro­r-Kampf der Tribunale und Gefangenen­lager. Die USA werden ihre Glaubwürdi­gkeit nicht wiedererla­ngen mit Hilfe großer Strategies­chwenks im Irak, durch diplomatis­che Offerten an die Verbündete­n oder durch kluge Verhandlun­gen mit Iran.

Einzig ein demokratis­cher Reinigungs­prozess kann das Land von seiner Hybris befreien. Dazu gehört ein standfeste­r und unangenehm­er Kongress, dazu gehören Untersuchu­ngsausschü­sse, dazu gehören Wahlen. Und wenn bei alledem ein Glaubensbe­kenntnis erlaubt ist: dann ist es jenes zu den berühmten Selbstheil­ungskräfte­n eines Landes, das auch den Irrweg seines Präsidente­n überleben wird.

(Quelle: SZ vom 16.2.2007)­  

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