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"Hitten" Champions


01.08.24 08:52
Ralf Flierl

Die deutsche Wirtschaft leidet



Gezogener Stecker


Die deutsche Wirtschaft schaffte in dieser Woche ein Kunststück, um das sie niemand beneiden wird. Die Wirtschaftsleistung ging – wie es im Mainstream hieß – „überraschend“ zurück, die Arbeitslosenzahl steigt „ungewöhnlich“ stark an und die Teuerung war „unerwartet“ hoch. Falls es so weitergeht, und es spricht einiges dafür, könnte man demnächst sogar wieder über das Schreckgespenst der Stagflation nachdenken. Überraschend ist das Ausbleiben des rot-grün-gelben Wirtschaftswunders allerdings nur für jene, die sich vorzugsweise von Wunschdenken oder Ideologie leiten lassen.
Denn woher soll denn das märchenhafte Wachstum kommen, etwa aus der Bau- oder der Kfz-Industrie?! Die Nachrichten aus diesen Branchen sind überwältigend negativ. In der letzten Ausgabe hatten wir uns an dieser Stelle prominent mit Varta beschäftigt, der ehemals führende Batterie- und Akku-Hersteller des Landes, der bei oberflächlicher Betrachtung ein echter Profiteur von Elektrifizierung, Green New Deal und der Gier nach Energiespeichern hätte sein müssen. Sie waren es nicht. Tatsächlich hat Varta nur noch wenig mit dem innovativen Premiumhersteller zu tun, für den die Marke den Menschen ein Begriff ist. Im Markt für E-Auto-Akkus waren die Claims schon lange abgesteckt, bevor sich das Unternehmen überhaupt ernsthaft auf den Weg gemacht hat.
Für Kleinaktionäre ist der Fall Varta insofern dramatisch, als hier die Restrukturierung im Rahmen des relativ neuen Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetzes (StaRUG) erfolgen soll. Im Vorjahr durchlief der Zulieferer Leoni den Prozess nach StaRUG, das den Widerstand einzelner Aktionäre und Gläubiger bei prinzipiell überlebensfähigen Unternehmen ins Leere laufen lässt. Für die Altaktionäre endete das mit einem Totalverlust und das ist auch für die Varta-Aktionäre die realistische Aussicht. Wer aktuell noch im Tannenbaum-Chart der Varta-Aktien zockt, sollte sich das vor Augen halten. Da das StaRUG zum neuen Regelfall bei Sanierungsbemühungen zu werden scheint, wollen wir uns in der September-Ausgabe des Smart Investor intensiver damit auseinandersetzen, insbesondere auch mit der Frage, wie man es vermeiden kann, von seinem Kapital in einem StaRUG-Verfahren enteignet zu werden.


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Bündel an Belastungsfaktoren


Bei Varta mögen auch Managementfehler mitgespielt haben. In einer Welt aber, in der Innovationstempo und Kostenführerschaft von anderen bestimmt werden, ist ein wohlklingender Name aus einer besseren Vergangenheit einfach zu wenig. In dieser Hinsicht ist Varta fast symptomatisch für die Deutschland AG, die ihre besten Tage ebenfalls hinter sich hat. Heute steht das Land international für moralisierende und oft faktenfreie Besserwisserei, nicht aber für zupackenden marktnahen Pragmatismus. Die ansässigen Unternehmen leiden unter einer überbordenden bürokratischen Gängelung, einer trägen Verwaltung, hohen Steuern, teurer Energie, einem Mangel an gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern und oft genug auch unter einer ungelösten Nachfolgefrage. Viele Unternehmen, insbesondere des Mittelstands, sind inzwischen ausgezehrt. Die Betriebe mit Problemen sind Legion, wobei es nur die bekannteren Namen (zuletzt etwa Recaro) oder börsennotierte Unternehmen in die Schlagzeilen schaffen. Oft genügt ein leichter Windstoß, um ein ausgehöhltes Gerippe endgültig umzustoßen. Entsprechend sind die Insolvenzen mittlerweile auf dem höchsten Stand seit 2016. Ebenfalls bedenklich, für den Herbst herrscht in etlichen Branchen gähnende Leere in den Auftragsbüchern. Selbst die Deutsche Bahn, formal zwar privatisiert, aber eigentlich ein „volkseigener Betrieb“ in schlimmster Tradition, türmte allein im ersten Halbjahr 2024 einen Verlust von 1,2 Mrd. EUR auf. Der Vorstand reagierte mit der Ankündigung von 30.000 Stellenstreichungen, ganz so, als ob die Bahn aufgrund ihrer üppigen Personalausstattung bislang vor Service und Pünktlichkeit gestrotzt hätte.


In die Ferne schweifen


Stellenabbau ist nur eine der Abwehrmaßnahmen, die Unternehmen in der Flaute bzw. Krise ergreifen können. Diejenigen, die dem Standort den Turnaround nicht mehr zutrauen, flaggen aus. Selbst deutsche Traditionsbetriebe von BASF über Miele bis zu ZF verlassen ganz oder teilweise das Land. Das Motto in Anlehnung an die Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als das „Wirtschaftswunder“ der Ampel finden wir überall. Denn, dass dieses sich zum Rohrkrepierer entwickelt, ist für Menschen mit nur etwas wirtschaftlichem Hausverstand weder „überraschend“, noch „ungewöhnlich“ oder „unerwartet“. Wie unter diesen Umständen das Wohlstandsniveau im Lande gehalten werden soll, ist ein großes Rätsel, das mit einem „Weiter so!“ sicher nicht zu lösen ist. Ausdrücklich keine Lösung ist die Schaffung Tausender neuer Stellen beim Staat. Die sind bestenfalls unproduktiv, sorgen in der Praxis aber häufig genug für noch mehr Sand im Getriebe der Betriebe.


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Mehr als ein Silberstreif


Bei den Edelmetallen ging es in den letzten Tagen spürbar bergab, doch nun hat sich die Situation dort nicht nur wieder stabilisiert, sondern ist durchaus aussichtsreich. Für Gold haben wir in unserem Videoformat praktisch auf dem Zwischentopp vor einer langsameren Gangart auf kurze Sicht gewarnt. Nun scheint aber das Gröbste schon ausgestanden zu sein. Insbesondere der Silber-Chart sieht vielversprechend aus. Nach der Rally von März bis Juni hat sich hier eine Flaggenkorrektur herausgebildet, deren untere Begrenzung zwar verletzt wurde, die jedoch in der laufenden Woche wieder zurückerobert werden konnte. Damit sollte nun zumindest ein Test der oberen Begrenzung anstehen. Kann diese überwunden werden, sind sogar deutlich höhere Kurse in Richtung der alten Allzeithochs bei 50 USD denkbar. Das ist im Moment zwar noch Zukunftsmusik, aber Silber war auch schon in der Vergangenheit für manche schnelle Überraschung gut.


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Zu den Märkten


In der heutigen Ausgabe haben wir uns ausführlicher an der desolaten wirtschaftlichen Lage im Lande abgearbeitet. Vor diesem Hintergrund sind die Höhen, in denen sich der DAX noch immer bewegt, erklärungsbedürftig. In der Regel tasten sich die Märkte an Veränderungen des relevanten Datenkranzes heran und preisen diese ein. Sollte das einmal, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfolgen, kann es zu schlagartigen Anpassungen, sogenannten Crashs kommen.
Andererseits muss man aber auch feststellen, dass die 40 DAX-Schwergewichte nicht wirklich repräsentativ für die deutsche Wirtschaft sind. Diese internationalen Konzerne haben „zufällig“ ihren Sitz in Deutschland. Das muss, wie das Beispiel des ehemaligen DAX-Werts Linde plc zeigt, auch nicht so bleiben. Vergleicht man den DAX konkret mit dem SDAX oder dem MDAX, tut sich eine deutliche Schere auf. Die Aktien der zweiten und dritten Reihe sind schon seit Jahren per Saldo im Minus. Allzu sehr sollte man sich also vom DAX nicht blenden lassen, wenn es um die Beurteilung der deutschen Wirtschaft insgesamt geht.


Fazit


Die schlechten Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft reißen nicht ab. Im Gegensatz zu MDAX und SDAX ignoriert der DAX 40 das bislang aber erfolgreich.

Ralf Flierl, Ralph Malisch


 




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